Stadtleben

Ein ganz normaler Friseurbesuch endete mit einem Aufschrei der Erleichterung, als ich endlich wieder zu Hause war und die Wohnungstür hinter mir zumachte.

Beim Friseur war noch alles harmlos – ich entspannt, der Haarschneider sowieso, man plauderte aus dem Nähkästchen, es flogen Witze und Anzüglichkeiten quer durch den Saal zur Freude der Kundschaft, im Hintergrund seichte Beschallung, unterbrochen von nervigem Fönrauschen. Er tat seinen Job, soweit gut, Haare ab, der Rest gebändigt. Noch entspannt verließ ich die Stätte nach eineinhalb Stunden und plante zu shoppen, denn der Winter steht vor der Tür und Madam braucht was warmes.

Doch da fing das Elend schon an. Alles was es an Jacken gab, waren diese häßlichen gesteppten Teile, in denen man aussieht wie ein Michelin-Männchen. Oder Jacken, die aussehen wie Wolljacken, aber sich als derbe Jute herausstellen, welche ganz oder zum großen Prozentsatz aus Poly gemacht wird. Die Farben sahen eher schmutzig als farbig aus oder eben das genaue Gegenteil, nämlich quietschbunt. Richtige Farben scheint die Bekleidungsindustrie nicht mehr zu kennen. Das Thema Jacke war jedenfalls für diesen Tag gestrichen – wobei ich auch für andere Tage keine Hoffnung sehe. Denn wir haben bereits Oktober, die Weihnachtsgebäcke werden schon seit langem verkauft, die Winterkollektion sowieso … alles ausgesucht. Ich gehe allerdings davon aus, daß das verkaufte auch nicht besser aussah.

Es ging in die Schuhabteilung. Auch hier das große Elend – wobei mir einige Schuhe rein optisch gefielen. Aber bei genauer Betrachtung ist das was sich Schuh nennt zu achtzig Prozent nicht mehr aus Leder. Sondern irgendein Abfallgemisch, das mühevoll chemisch so präpariert wird, daß es dem Original täuschend ähnlich sieht. Ein Paar probierte ich, weil die chic aussahen, sogar aus Leder. Sie paßten, fühlten sich total gut an und ich war nahe daran sie zu kaufen. Aber nach mehrmaligem hin und her laufen bemerkte ich, daß da irgendwas unterm Hacken drückte. Was soll ich sagen: der Designer hielt es wohl für eine gute Idee sein handgesticktes Stofflabel in der Innensohle genau im Hackenbereich fest zu vernähen. Also keine Chance es rauszunehmen – es saß fest und drückte. Da ich keine Absicht hatte, immer wenn ich diese Schuhe trage, mich wie die Prinzessin auf der Erbse zu fühlen, wanderten sie zurück ins Regal.

Danach war ich richtig entnervt. Wanderte die Einkaufsmeile zurück in Richtung Bushaltestelle. Dabei bekam ich mit wie laut es in dieser Stadt ist und wie voll an Menschen und Autos. An jeder Ecke ein fröhlicher Musikant: einer ohne Stimme, der aber unverdrossen deutsches Volksliedgut schmetterte, an der nächsten Ecke jemand mit Schifferklavier und russichen Heimatliedern, an der Kreuzung einer mit Dudelsack … Dazu all der andere Lärm, das elendige Gequatsche der Leute und die Handybimmeltöne, der Motorenlärm …

Ein wahrer Moloch und melting pot ist diese Stadt. In kleineren Städten und Käffern der Republik habe ich immer den Eindruck, daß die Leute sich aufgrund von Inzucht vervielfältigen und entsprechende Auswüchse hervorbringen. Hier sind sie offensichtlich aus der Vielfalt heraus entstanden. Aber die Ergebnisse sind nicht schöner anzuschauen. Ich sah Gestalten, die spotten jeder Beschreibung und ebenso schöne Menschen, die vor lauter Hochmut, Stolz und Schönheitswahn kein Stück Menschlichkeit mehr an sich hatten. Ich sah eine Zwei-Meter-Frau, da hätte auch mein Freund die Beine in die Hand genommen und wäre gerannt. Sie war nämlich nicht nur zwei Meter in die Höhe geschossen, sondern auch in die Breite. Dazu knallige rübenrote Haare, damit sie auch wirklich auffällt. Sie trug ihren zwei mal zwei Meterleib sichtlich stolz durch die Lande und hatte zu allem Jammer noch ein kleines Kind an der Hand. Ich sah fette Männer mit Wabbelbäuchen – oft noch junge Männer – die wahrscheinlich gar nicht mehr wissen, wie sie mal aussahen als sie schlank waren. Den meisten war die Peinlichkeit und Scham ins Gesicht geschrieben und in die Körperhaltung gebrannt. Ich sah einen jungen Mann mit fliehendem Kinn, eigentlich gar keinem Kinn. Und sehr viele Menschen jeglichen Alters, die alle irgendein körperliches Gebrechen hatten – sei es hinken oder lahmen oder krumm gehen oder an Krücken … Sie machen sich ihre Körper kaputt mit Schweinefraß, Alkohol, Zigaretten, Medikamenten und harter körperlicher Arbeit. Sie rackern sich ab für ein bischen materiellen Wohlstand oder um überhaupt zu überleben.

Wenn ich derlei sehe, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß das ursprünglich der Plan gewesen sein soll. Sofern es einen gab – ich kann bei all dem jedenfalls keinen erkennen.

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2 Responses to “Stadtleben”

  1. Admin sagt:

    Wenn Die Leute bei Dir noch so normal aussehen ziehe ich sofort in Deine Stadt!

    Muß mir dann nur noch ein paar Krücken besorgen, damit ich nicht auffalle. Hoffentlich gibt’s die noch in stabiler Vorkriegsausführung und nicht aus philippinischem Weißblechrecycling mit Dioxinimprägnierung oder einer Polyurethanmischung mit aufgedampftem, allergieauslösendem Metallic-Dekor.

    Mir kommt gerade die Idee, daß all diese Gestalten gar nicht so skurril aussähen, würde es nicht die ganzen wunderbaren neuen Hightech-Ersatzstoffe geben.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Das solltest Du sowieso machen – aus unterschiedlichsten Gründen.

    Und weil zur Zeit jede Menge Sonderausstellungen zum Thema 100 Jahre Erster Weltkrieg laufen, finden wir sicherlich ein Paar Vorvorkriegs-Krücken aus solidem Material.

    Als ich heute unterwegs war und mich unter das gemeine Volk mischte, kam ich mir vor wie in einem Film. Irgendwie sahen sie alle aus, als wenn sie krampfhaft eine bestimmte Rolle spielen oder vielmehr einen bestimmten Typus verkörpern wollen. Völlig absurd. Teils hatte ich Bilder im Kopf von Charles Dickens Inszenierungen oder stellte mir vor, wie einzelne sehr gut auch in andere Jahrhunderte passen würden. Als total überzeichnete Charaktere ohne Charakter. Und jedem fällt noch ein bisschen was verrückteres ein, um unbedingt in der Masse aufzufallen. Dadurch fällt keiner mehr auf …
    Du würdest dann garantiert mit oder ohne Krücken auffallen. Völlig egal.

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