Zwiekampf

Scheinbare Stille um mich herum. Eine Täuschung. In Wahrheit schreien mich all diese Berge und Haufen, die sich inzwischen in der gesamten Wohnung ausbreiten, förmlich an.

Noch ist nicht klar, ob es vorwurfsvolle Schreie sind oder Hilfeschreie oder erlösende Schreie. Sehen sie mich als Übeltäter oder Erlöser an?

Berggebilde aus altem Papier. Altkleiderhaufen. Ein Gemisch aus „Müll“ und Gegenständen, die keiner mehr will und ich nicht brauche. Alles sortiert für Papiercontainer, Sperrmüll, Sondermüll und was es sonst noch an Containern bei der Stadtreinigung gibt.

Kaum noch ein Fleck, der als wohnlich zu bezeichnen ist. Es gilt einen Drei-Personen-Haushalt aufzulösen. Eine Familiengemeinsamkeit, die ein Vierteljahrhundert dauerte. Teils vollzieht sich ein natürlicher Prozeß, weil der Sproß alt genug ist für sein eigenes Leben. Der alte Stamm aber teilt sich, weil er morsch ist und keinen gemeinsamen Saft mehr hat.

Es ging von mir aus, also die Initiative alles auf den Kopf zu stellen. Mein Leben. Mir war bewußt, daß das Konsequenzen hat. Nicht nur für mich. An manchen Tagen wird mir das sehr übel genommen. Und es gibt Stunden, wo es in mir rumort, ob ich vielleicht besser die Füße hätte stillhalten sollen – dann wäre alles weiterhin gemütlich, ruhig, friedlich, wohnlich …
aber eben auch erstarrt und sinnlos und scheintot.

Die gesamte Aktion vollzieht sich in einer schwingenden Bewegung. Euphorische Phasen voller Aktivität und Freude wechseln mit Phasen des Chaos und schierer Verzweiflung angesichts der Berge und Haufen.

Gestern hätte ich am liebsten entschieden, nur mit den notwendigsten Utensilien in meine neue Wohnung einzuziehen. Und alles, was ich zehn Jahre lang nicht gebraucht habe, ja nichtmal in der Hand hatte, ohne Sentimentalität und Reue entsorge oder verkaufe. Doch das denkt sich so leicht. Widerspruch und Zwiekampf toben dabei in mir. Es ist so absurd: Die, die nichts haben weil es ihnen nicht vergönnt wird versus jenen, die nicht wissen wohin mit all dem Plunder.

Ich muß gestehen, daß ich mich in all dem angehäuften Wohlstandsmüll unbehaglich fühle. Wenngleich wissend, daß es im Vergleich zu anderen noch harmlos ist. Aber Vergleiche hinken und bringen mich nicht weiter.

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