Ich führ’ Buch …

Als Chronistin des Grauens ist das selbstverständlich mein Job.

chronistin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mir entgeht nichts.
Ich nehme jede kleinste Regung wahr – in meinem Umfeld, bei meinem Gegenüber, in mir selbst auch wenn es sein muss.
Es arbeitet präzise in mir, dieses Uhrwerk der Beobachtung.

Ich verstehe nicht immer gleich die Zusammenhänge oder Gründe – Hinter- und Beweggründe – von dem was ich da wahrnehme. Aber ich nehme es als Wahrheit an, als unverhüllt. Das wird erstmal nur zur Kenntnis genommen, nicht analysiert.

Und dieser Kenntnisnahme folgt die systematische Katalogisierung.
Wie sich das gehört als buchführende Chronistin.
Denn das Grauen hat Namen und diese dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Nichts darf in Vergessenheit geraten. Darum wird es chronologisch aufgelistet, unbarmherzig aufgeschrieben. Fein säuberlich. Jeden Tag. Manchmal nur wenige Sätze, dann wieder lange tiefergehende Aufzeichnungen. Denn das Gesehene, Erlebte, Gehörte und Wahrgenommene niederzuschreiben eröffnet neue Zusammenhänge und lässt tiefer blicken. Manchmal tiefer als mir lieb ist.
Welten tun sich auf. Mitmenschen erscheinen in einem anderen Licht. Ein realistischeres Licht als das, das sie selbst auf sich werfen. Ein reales Hell-Dunkel tut sich auf. Als Chronistin des Grauens scheue ich das nicht.
Im Gegenteil. Es bereitet mir eine fast hinterhältige Freude. Es ist als wenn sie alle unter meinem Messer liegen und ich gnadenlos mit diesem in den offenen Wunden bohre.

Ich habe immer den Finger drauf. Ich habe alles festgehalten. Nichts entgeht oder entkommt mir.

So führ’ ich Buch seit Jahren – jedes Jahr sind es mindestens 365 Seiten, meist mehr. Die Protagonisten in dem Buch sind mir vertraut und stehen mir nah, denn ich kenne sie besser als sie sich selbst. Die einen haben sich bewährt und kommen dem Wahren immer näher. Andere sind schon fast rausgefallen oder untergegangen im Dunkel des Grauens.

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6 Responses to “Ich führ’ Buch …”

  1. Chris K. sagt:

    Ob ich zu diesen Konditionen noch bereit bin etwaige Beweisstücke – vor allem ja ungefilterte Originalsequenzen – aus dem echten, aufgezeichneten Leben herauszurücken, um diese auf dem Seziertisch einer strichlistenführenden und kalt berechnenden Buchhalterin als Opfer darzubringen? Womöglich in der unseligen Hoffnung, daß meine Seele reingewaschen werde? Obschon mir längst klar ist, daß das nicht mehr geht, die Sauerei und die ganzen Flecken niemals mehr ‚rausgehen. Und ich und wir alle darum nur auf Vergebung hoffen können, das zugleich unsere einzige Hoffnung nur sein kann.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Spricht der, welcher mir quasi diesen Job in die Wiege gelegt hat!
    Frei nach dem Motto:“… die Geister, die ich rief …“

    Nebenbei bemerkt ist es egal ob es gefiltert oder ungefiltert auf dem Seziertisch landet – der Schärfe des Messers entgeht ohnehin nichts.
    So, watch out oder es macht autsch …

    • Chris K. sagt:

      „Egal ob gefiltert oder ungefiltert“?, wenn Du wüßtest wieviel Arbeit ich Dir (und anderen) mit meinen schönen Filtern erspart habe, da würden aus 365 Seiten p.a. schnell dreimal soviel. Das sehe ich ja bereits bei meinen eigenen Folianten des Irrsinns und nichtendender Schrecken.

  3. peg sagt:

    Agree with your words. Do you can keep update your post. I will back. thank you!

  4. Admin sagt:

    Das Grauen des Alltags hat eine Farbe: Alltagsgrau.

    Ist das eigentlich eine RAL-Farbe oder im Pantone-Fächer zu finden? Wenn es mich graut, will ich jedenfalls den genauen Farbton wissen.

    Zeichnest Du die Farbangaben mit auf? Sonst würden diese in eventuell Vergessenheit geraten.

  5. Frau Schmidt sagt:

    Alltagsgrau ist breit gefächert – also definitiv eine PANTONE Farbe. Ob allerdings coated oder uncoated, solid oder process, metallic oder pastell oder etwa solid to process Simulation in Euroscale, hängt sicherlich vom Hinter- und Untergrund des Grauens ab.
    Meine Empfehlung: Im Alltag immer den Farbfächer dabei haben! Mit dem kannst Du die lästigen Schmeißfliegen verscheuchen und gleichzeitig eindeutig den Farbton bestimmen.

    Bei mir gerät nichts in Vergessenheit – auch die Farbangaben nicht.

    Aber wenn ich einmal meinen wohlverdienten Schlaf halte, wird hier hinter meinem Rücken gleich alles verändert – wie soll ich da hinterherkommen mit der Buchführung?

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