Schwestern im Geiste.

Habe gerade Frau B. im Auto herumfahren sehen und mußte sofort an diese Geschichte denken, die mit Schwester G. passiert ist. Als sie vor die Tür ging, Frau B. erblickte und dann gleich den Schulterschluss mit ihr suchte. Also eine irgendwie an den Haaren herbeigezogene Parallele, eine irgendwie an den Haaren herbeigezogene Gleichartigkeit, Übereinstimmung – nämlich, dass sie, Frau B. auch ein „gemischtes Kind“ hat (so tatsächlich Schwester G.’s Ausdruck), und ich dabei aus allen Wolken gefallen bin, dass solche Nichtigkeiten ausreichen um sich mit Hans und Franz im Geiste und auch noch Frau B. zu verbrüdern, nur zu assoziieren.

Natürlich habe ich mich nicht weiter damit beschäftigt, weil es mir ausreicht solche Dinge festzustellen und dann bitte schnell an etwas anderes zu denken, bevor mein Gehirn abstirbt.

Doch jetzt gerade fällt es mir wieder ein: die Verpeiltheit der einen und die Verpeiltheit der anderen – und ich dagegen aber sehen konnte, dass ich, beziehungsweise ich höchstselbst, mich überhaupt gar nicht mit irgendwelchen Spacken gemein mache, und darum mir auch nur auffällt, bei Begegnungen aller Art, dass ich mit diesen Leuten nicht das mindeste nur gemein habe. Und dieser kleinste gemeinsame aller Nenner, der ja viele Leute zusammentreibt (und zusammenhält): „Guck mal, der geht auch auf zwei Beinen“ oder „der hat denselben Hut auf wie ich“ – all diese Konstruktionen sind furchtbar unbedeutend. Ich würde darin noch nichtmal ein Muster erkennen und eben auch nicht den kleinsten Ansatz, um mit so einer x-beliebigen Nichtgestalt ein Gespräch nur anzufangen oder nur irgendwas.

Aber das ist genau das, was die Leute tatsächlich zusammentreibt. Und dabei hatte ich noch, nachdem Schwester G. diesen Wink des Schicksals erkannt und für sich ausgebeutet hatte, ironisch meine Finger verkreuzt. Von wegen: so dicht waren sie, ganz eng, Schwestern im Geiste – aufgrund dieser absoluten Nichtigkeit. Sie haben dann halt beide irgendwas, irgendwas haben sie halt. Etwas, das ich als Außenstehender, als Unwissender und Ungläubiger ohne „gemischtes Kind“ niemals verstehen kann. Auf einmal ist das eins, braucht man dann auch nicht mehr drüber reden, es ist dann auch jede weitere Verständigung oder irgendeine Erklärung überflüssig, das passt alles, alles ist perfekt!

Und bei mir ist es gerade das absolute Gegenteil: unperfekt, diametral, astral – und auch nicht in diesem Sternenhaufen zu erwarten und nicht zu suchen.

Als ich meinen Blick dann noch weiter auf andere Menschen, Begegnungen ausdehnte, kam mir tatsächlich die Idee, dass sie, diese Andersartigen, sich wirklich für die nichtigsten Augenblicke – Augenblicke ist nicht das richtige Wort – für die nichtigsten Übereinstimmungen tatsächlich wahrnehmen und anerkennen. Für nichtigste Nebensächlichkeiten, nichtigste Aussagen und Gesten. Dass ihre eigene Nichtswürdigkeit am Ende ausreicht, um sich selbstvergessen in die Arme zu laufen und darin mit aller Oberflächlickeit und Bedeutungslosigkeit auch noch anzukommen.

Ich trieb das noch ein bisschen weiter, dass letzten Endes, weil ja auch vielfach die Leute müde sind sich mit konkreten Geschichten auseinanderzusetzen, mit individuellen Gedanken, mit Zusammenhängen, Bedeutungen, Vorstellungen; sogar diese generelle Unfähigkeit zur Konzentration ausreicht alle, quasi reihum, sich gegenseitig in die Arme zu treiben. Dass letzten Endes zur Zusammengehörigkeit, zur Arterhaltung und als Gefühl kosmischer Übereinstimmung ausreicht: „Guck mal, der scheiß Depp da drüben ist genauso scheiße wie ich!“

Und so machen alle zusammen ‚rum, ohne nur mal abzuwarten, ohne den Dingen auf den Grund zu gehen und ohne überzeugt zu sein. Es reicht einfach aus, auf die Straße zu gehen und irgendeinen Idioten zu sehen, um dieses „me-too“-Erlebnis zu erhaschen: „der hat dasselbe Handy“, „die macht auch Kunst“, „den habe ich letztens im Edeka gesehen“ oder als conclusio finale/fatale „der/die/das hatte es sicher auch nicht leicht“ – alles super!

Statt einfach erstmal skeptisch zu sein. Vor allem angesichts der Biografie aller Begegnungen, die man schon hinter sich hat und von denen man sicher weiß: 99,5% aller Leute, die ich jemals getroffen habe, mit denen ich nichts mehr zu tun habe, tendenziell waren die auch scheiße – deswegen habe ich ja mit denen auch nichts zu tun.

Aber das scheinen die Leute vergessen zu haben oder sind in Feierlaune, so über alle Maßen liebenswürdig oder einfach so humanistisch, so humoristisch, so whatever. Aber das sind alles Dinge, von denen ich nichts verstehe und in die ich jeden Tag gern mein Elektroschockgerät hineindrücke.

Zur Arterhaltung. Oder etwa den Moment zu erhellen.

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