Verstört

Ich weiß warum ich es so lange vermied, mir die Dokumentation anzuschauen. Es war mir schon vorher klar. Jetzt, wo ich sie gesehen habe, ist es aber um so deutlicher: Ich wollte in meiner Scheinrealität nicht noch mehr verstört werden.
Doch das stimmt so nicht. Ich will verstört und gestört werden, weil ich neugierig bin. Ich bin interessiert. Und die Doku hat mich interessiert. Also wurde sie aufgezeichnet und ich wartete auf den passenden Zeitpunkt …

»Zwangsprostitution im KZ«
Eine Dokumentation von Andrea Oster über Himmlers Bordelle, ausgestrahlt am 10. Februar 2013 um 23:40 Uhr (man beachte die Primetime) im Mitteldeutschen Rundfunk, bekannt unter MDR Fernsehen.

Ein stilles, sachliches Aufzeigen dessen, was von 1942/43 an der Alltag in einigen KZs für eine Auswahl weiblicher Insassinnen war. Wie und warum Himmler auf die Idee kam, Bordelle einzurichten – auch Puffs genannt – und einen Bordellbesuch als Belohnung für besondere Arbeitsleitung den männlichen Häftlingen in Aussicht zu stellen.
Anfangs waren die Frauen sogenannte Freiwillige. Es wurde ihnen eine Haftentlassung nach sechs Monaten zugesagt, wenn sie den Dienst im Bordell leisten. Eine Verlockung, die sich bald als Lüge herausstellte und als die Freiwilligen ausblieben, wurden Frauen zwangsverpflichtet.
Neben dem Druck den Himmler hatte, um die Arbeitsmoral der Zwangsarbeiter zu steigern, sollte so auch dem homosexuellen Treiben in den Lagern ein Ende bereitet werden. Unterm Strich ging dieser perfide Plan nicht auf, denn letztendlich waren es meist die eh schon priviligierten, die in den fraglichen Genuss kamen. Und der normale KZ-Häftling ohnehin meist nicht in der gesundheitlichen und körperlichen Verfassung für sexuelle Betätigung war. Die Befriedigung des Hungers wäre sicherlich erfolgversprechender gewesen, hätte aber zu viel gekostet. So wurde sogar noch Geld eingenommen, denn die Belohnten mussten zwei Reichsmark pro Bordellbesuch zahlen. Insgesamt kamen wohl oftmals mehr als 1.000 Reichsmark pro Woche von allen Bordellen zusammen. Nach deutscher Manier wurde in der Buchführung alles fein säuberlich notiert.
Den Zwangsprostituierten ging es nach einer Aufpeppelzeit körperlich besser, weil sie verhältnismäßig gutes Essen bekamen, ausreichend, um attraktiv auszusehen, Waschgelegenheiten hatten, gesundheitlich versorgt wurden, schöne Kleidung bekamen, sogar etwas Parfum.
Die Abfertigung der Freier geschah wie am Fließband, abends ab acht Uhr im Viertelstundentakt. Erlaubt war nur die Missionarsstellung – wenngleich ansonsten die Nazis keine Liebe zur Kirche verband – nichts ausländisches, perverses.
In dem Film geht es neben den aufgezeigten Tatsachen hauptsächlich um die Frage, was bei den Frauen psychisch ablief und auch darum, was die Männer empfanden, die ins Bordell gehen durften. Dazu wurden einige, zum Zeitpunkt des Drehs noch lebende Zeitzeugen behutsam befragt.

Ich merke gerade, daß ich relativ weit aushole. Es ist nicht mein Anliegen die Dokumentation zu beschreiben – ich tue es, um nicht über meine Empfindungen schreiben zu müssen.

Denn die waren während des Anschauens – und sie sind es jetzt noch – sehr schmerzhaft. Ich erlebe bei mir immer wieder wie ich versuche, mich in Situationen, Menschen, Umstände hineinzufühlen. Nicht nur es rational zu verstehen oder nicht zu verstehen, sondern ich es nachspüren und gefühlsmäßig auf den Grund gehen will.
Wenn es dann aber um Berichte aus Zeiten der Weltkriege oder allgemein Kriege geht, dann bleibt eigentlich nur blanker Horror übrig und ich muss mir eingestehen, daß ich es niemals nachempfinden kann. Denn ich habe nie eine Kriegssituation miterlebt, egal in welcher Form. Sofern es Gott gibt, danke ich ihm dafür.

Was immer wieder so unfassbar für mich ist: Wozu Menschen fähig sind und was sie anderen antun können. Neben körperlicher Qual all die Demütigungen, Erniedrigungen, seelischen Peinigungen. Allein aus dem Grund, weil der andere nicht das selbe denkt oder tut, die falsche Haarfarbe hat oder die falsche Physiognomie, die falsche Gesinnung, den falschen Glauben, die falsche Herkunft …
Und in Anbetracht des Themas der Doku frage ich mich, ob unter Bedingungen wie Zwangsarbeit, Hunger, eisiger Kälte, Schwäche, der Wunsch nach sexueller Befriedigung überhaupt eine Relevanz hatte.

Was bei derartigen Betrachtungen für mich auch stets eine Frage ist: Was ist der Mensch eigentlich? Besteht er schlußendlich doch nur aus einem Körper? Ist das, was wir Geist und Seele nennen, nur ein gewisser Luxus, den man sich in guten Zeiten zwar leisten kann wenn man will, aber ansonsten ist es irrelevant? Wieso kämpft jeder so verzweifelt ums Überleben, selbst in solchen Zeiten an schrecklichen Orten, die voller Hoffnungslosigkeit waren? Wieso ist da kein innerer Mechanismus am Werke gewesen, der die Menschen unisono einfach in einen Todesschlaf hätte fallen lassen? Was hielt sie am Leben?

Ich verstehe es nicht.
Ich habe es nie verstanden, was uns Menschen am Leben hält, was diese Hoffnung (auf was eigentlich?) im Leben ausmacht.
Wie hätte ich mich in einer solchen Situation verhalten, was wäre mir wichtig gewesen? Mir selbst und einer nicht sichtbaren, geistigen Moral treu zu bleiben oder es lieber körperlich etwas besser haben zu wollen?

Das kann ich nicht beantworten.

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4 Responses to “Verstört”

  1. Admin sagt:

    Verstörungen aus dem Spätprogramm sind in der Regel die eigentlichen Informationen, unbequeme Wahrheiten, das Haupt- und Pflichtprogramm. Alles davor und danach ist nur „Brot & Spiele“, das weiße Rauschen, das alle umwabert um möglichst keinen klaren Gedanken mehr übrigzulassen. Gespräche unter sogenannten Mitmenschen zielen meist auf diese blinden Flecken, auf alle Nullinformation, während das Grauen der Wirklichkeit mit Vorsatz ausgeblendet wird. Es ist zu anstrengend, versaut ihnen die Tagesform, müssen sie sich ja schon ihr eigenes Leben schönlügen – und ja, leider Pech für die bedauerlichen Protagonisten. Sie sind zu labil für die Wirklichkeit und brauchen die Scheinwelt, um nominell wenigstens einmal vorzukommen, am besten mit einem „vollauthentischen“ me-too-Erlebnis, hinter dem sie sich namenlos verstecken können.

    Das Leben der realitätsverweigernden Vollidioten fußt auf der diffusen Hoffnung – für die sie allerdings nicht das mindeste tun, dass es sie nicht irgendwann mal persönlich trifft. Mit etwas Glück läuft es auch einige Jahre so. Die Schwachköpfe werten das als Garantie, dass es immer so weiterläuft, so demokratisch, so menschengerecht, so ehrlich und christlich und harmonisch.

    Es hat sich bereits geändert. Es ist allerdings noch nicht an unserer Tür. Die Zeiten werden sich ändern und die gemeinsten Ideen sind lange schon gedacht und bereits erprobt. Wie man sein Leben auf Vergessen, Desintresse und Bewußtlosigkeit aufbauen kann ist mir ein großes Rätsel. Gib dem Menschen ein wenig Feuerwasser, ein paar wertlose Cu/Ni-Münzen und papierne Auszeichnungen – das schmeichelt ihm, beruhigt seinen schwachen, leichtgläubigen Geist und wiegt ihn in Sicherheit. Wenn es dann knallt ist es selbstverständlich unvorhersehbar gewesen, und die Greuel bedauerlich – aber das konnte nach fünftausend Jahren Menschheitsgeschichte keiner ahnen. Ach was, das was kommt, konnte nach nur sechzig Jahren mit vorsätzlichem Blindflug keiner sich je vorstellen!

    Ich möchte Dir deshalb persönlich danken, dass Du Dich dem Thema gestellt hast. Das ehrt die Opfer und es ehrt auch Dich, weil Du vor den Kümmernissen der Welt nicht die Augen verschließt.

  2. Admin sagt:

    Ein Nachtrag: Mit besonderer Hingabe werden Menschenrechte verraten wenn man sich einem übergeordneten Prinzip, einem Prozeß unterwerfen kann. Im Dienst einer diffusen, aber äußerst entmenschlichten Sache kann man sehr wohl Listen über alle Unvorstellbarkeiten führen, so es nur abstrakt genug formuliert wird, oder das Ziel – nach Belieben der „Endsieg“ oder Geschäftemacherei im allgemeinen – (kriegs-)wichtig genug ist und deshalb höher und wichtiger eingeschätzt wird. Ich will hier gar nicht lang und weit in die Vergangenheit blicken. Die Entmenschlichung solcher Prozesse sehe ich augenblicklich heute, zweitausendreizehn, und ich reibe mir die Augen, weil ich mich keineswegs mehr fragen muß wie das alles damals passieren konnte, denn es geschieht vor meinen und Deinen und Euren Augen. Gerade jetzt!

    • Frau Schmidt sagt:

      Stichwort: Entmenschlichung – vielleicht konnte und kann die nur deshalb stattfinden, weil die Spezies Mensch nie begriffen hat was es heißt, einer zu sein.
      Alle Unmenschlichkeit kann doch nur geschehen, wenn man keinen Bezug zum Menschsein hat – weder zu sich selbst und/oder erst recht nicht zu anderen.
      Ich meine damit nicht das Socialising. Das können gerade die Unmenschen besonders gut. Sondern das hautnahe beim Menschen sein, das porentiefe Empfinden dessen was geschieht, mit und bei einem selbst und drumherum …
      Wenn das jeder so tief empfinden würde, dann könnten doch weder absurde Listen und Bürokratien noch Schikane und Psychoterror oder Greuel ausgeführt werden.

  3. Admin sagt:

    Es wird allerdings keine Anstrengung unterlassen Dich so entmenschlicht wie möglich aufwachsen zu lassen. Deine Individualität, Deine Anliegen, Interessen und Vorlieben sind unprofessionell und papperlapapp und stehen Deiner Karriere und Deinen Chancen im Wege. Du willst doch erfolgreich sein – also wieso führst Du dann nicht Buch über den Geschlechtsverkehr von Zwangsprostituierten? Nun?! Du hast ja die Wahl. Du kannst für etwa drei Euro die Stunde eine sagenhafte Karriere machen! (Oder immerhin straffrei ausgehen.) Mit Deinen Bedenken und Einwänden wirst Du garantiert in der Gosse landen, und was sollen dann die Nachbarn sagen?

    In diesem (Werte-)System landen die einen wie die anderen in der Gosse. Aus den einen wird schließlich noch Seife gemacht, die anderen sind untot und züchten linientreue Zombies. Da muß nicht erst entmenschlicht werden, was vorher nicht schon unmenschlich, ein willfähriger Homunculus gewesen wäre. Man muß sich über diese Welt nicht mehr wundern …

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