1984

Nach einem Gespräch mit Chris K., in dem er mir von dem Film »1984« erzählte, den er sich wiederholt in den letzten Tagen ansah, mußte ich mir den Film heute auch ansehen. Denn es stellte sich heraus, daß ich zwar das Buch kenne aber nicht den Film.

Ich las den Roman als sehr junge Frau und war betroffen. Die Schilderung einer düsteren Zukunft unter totaler Kontrolle ging mir ans Herz. Und hatte zur Folge, daß ich fortan dem staatlichen Gefüge kein Stück mehr über den Weg traute.
Aber es geht ja nicht nur um einen totalitären Kontrollstaat, sondern auch darum wie Menschen gebrochen werden in ihrem Willen, ihrem Glauben, ihrer Liebe, ihren Idealen. Das ist das Erschreckende an dem Buch.

Der Film kam sinnigerweise 1984 in die Kinos. Ich erinnere mich, daß ich mit einem Typen reinging, der es keine halbe Stunde aushielt und dann wieder gehen wollte. Da ich annahm, wir würden einen gemeinsamen Abend verbringen wollen, ging ich mit raus, obwohl ich ihn nicht verstand. Draußen fing er auch noch eine Diskussion drüber an, ob der Film nun gut gewesen sei und was die Botschaft gewesen wäre – wo er nur einen winzigen Bruchteil gesehen hatte und mehr nicht aushielt. Ob er das Buch kannte weiß ich nicht. An dem Abend war klar, daß der Mann zu nichts taugte – also nichts tiefgehendes. Und ich ärgerte mich, nicht im Kino geblieben zu sein. Wenigstens hatte er gezahlt.

Heute also, nach fast dreißig Jahren, sah ich mir den Film an. Denn ich hatte ihn zu Weihnachten als DVD geschenkt bekommen.
Ein Gedanke war, daß ich es vielleicht deshalb all die Jahre vermied den Film zu sehen, weil ich fürchtete er würde nicht an die Buchvorlage heranreichen – so wie es meistens mit Romanverfilmungen ist. Jetzt ist es allerdings so lange her seit ich das Buch las, daß ich keine direkten Vergleiche mehr anstellen kann.

Der Film ist düster wie das Buch. Und bringt eine unsägliche Hoffnungslosigkeit herüber. Denn der „Held“ ist keiner, von Anfang an nicht in seiner dünnen, etwas klapprigen Erscheinung. Er ist wie alle ein Rad im Getriebe der gewaltigen Mechanerie. Aber er hat noch die Kraft seinen Geist zu nutzen, zu denken, sich eigene Gedanken zu machen und diese festzuhalten. Und mit dem Kontakt zu der jungen Frau lebt er heimlich ein Parallelleben. Allerdings in dem Bewußtsein, daß dieses kleine Glück gefährdet ist und nicht von Dauer sein kann. An einem Punkt sagen sogar beide, daß es besser ist den Abbruch zu initiieren und sich nie wieder zu sehen und stattdessen weiter zu leben wie verlangt und gewohnt. Doch sie tun es nicht. Und fliegen auf. Weil scheinbar harmlose Personen wie der alte Trödelhändler fest im System verankert sind und geschickt die Netze auswerfen. Ein Spiel mit Illusionen aufbauen, um es dann jäh zu zerschlagen. Das Paar spricht den einen Tag davon, daß die da oben zwar den Willen brechen können, aber nicht den Glauben und nicht das was im Herzen ist. Am Ende des Films erscheint es mir, als wenn sie damit nicht recht behielten. Als ob beide sich gegenseitig eben nicht nur mit Worten verrieten, sondern auch ihren Glauben, ihre Liebe und ihre Ideale verraten haben.

Als junge Frau hat dieser Roman in mir den Willen gestärkt und mobilisiert – ein »Jetzt erst recht« trotzte der Botschaft entgegen. Meine Ideale waren mir heilig und ich war davon überzeugt, daß nichts auf der Welt mir diese zerstören kann.
Jetzt bin ich schon lange nicht mehr sicher. Und der Film hat die Möglichkeit, daß das Gegenteil sehr wohl der Fall sein kann, überdeutlich geschildert. Die Vorstellung, daß Menschen einerseits in ihrer Gier Macht auszuüben alle Grenzen des Erträglichen übersteigen und andererseits aus Angst vor Schmerz alles verraten, auch ihre Heilgtümer, läßt mich zweifeln und macht mir Angst.

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