näher = ferner

“Je näher man ein Wort anschaut, desto ferner schaut es zurück.”
Ein Zitat von Karl Kraus.
Dieses Zitat schickte mir ein Freund per Mail.

Es beschäftigte mich, wenngleich es so simpel in seiner Bedeutung zu sein schien. Doch wenn ich es mir erklären wollte, quasi eine Sezierung vornehmen, dann war es als starrte ich auf eine weiße Wand.

Später schrieb mir selbiger Freund in einem anderen Zusammenhang, dass für ihn dieses Zitat aussagt: je länger man über Worte und Bedeutungen nachdenkt, desto unsicherer wird man.
Ich vermute er meint, man wird unsicherer über die wahre Bedeutung.

Nun sitze ich über einem Brief und dessen Worte, die ich mir näher anschaue, weil ich sie begreifen will. Und ich erfahre, was Karl Kraus meinte – denn sie rücken in immer weitere Ferne.
Aber es sind unterm Strich nicht die Worte sondern die Bedeutung.
Da gibt es nämlich die Bedeutung, die ich den Worten gebe oder annehme, dass sie sie haben.
Und die Bedeutung, die der Schreiber ihnen zugemessen hat.
Ich will wissen, was für eine Bedeutung bestimmte Ausdrucksweisen, bestimmte Sätze, bestimmte Passagen haben – für den Schreiber hatten,
als er sie schrieb.
Was veranlasste ihn, es so und nicht anders zu schreiben?
Was hat er sich dabei gedacht?
Was will er wirklich damit sagen?
Was steht, nicht nur zwischen den Zeilen, sondern auch zwischen den Worten?
Haben seine Worte die gleiche Bedeutung wie meine Worte, wenn sie gleich aussehen und gleich ausgesprochen werden?

Es macht mich ein wenig verrückt. Denn wie soll ich durch mein Worte-Anstarren herausfinden, was derjenige sich dabei dachte oder wirklich damit meinte und beabsichtigte!? Dazu müsste ich die Person fragen.
Aber will ich das? Es könnte bedeuten, dass sich daraus ein endloses Verwirrspiel ergibt, weil ja wieder jede Menge Worte produziert werden, die ergründet und angeschaut werden müssen.

Und am Ende kann man sich eh nie sicher sein, wie ein anderer Mensch etwas wirklich meint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Responses to “näher = ferner”

  1. Admin sagt:

    Der Schlüssel liegt in der Nähe und Aufrecherhaltung des Kontakts und der dadurch möglichen Versicherung/Verständigung über die Inhalte der gesprochenen/geschriebenen Worte. Gleich einer nachträglichen Authentifizierung.

    Wenn man sich mit weniger zufriedengibt, gibt man sich mit Dingen ab, die in der Regel keinen Bestand haben. Man fällt auf flüchtige Reflexionen herein, die keine Bedeutung haben, lediglich Signale meist unbedeutender Anwesenheit sind – eben rasch dahingesagte Antworten, Zusammenfassungen, Nichtswürdigkeiten.

    Ich bin mir sicher, dass Karl Kraus die Tiefe und Möglichkeiten der Bedeutungen gemeint hat, die sich vervielfachen je länger man das Wort (auch im Kontext) anschaut. Damit vervielfacht sich auch der Abstand, es entfernt sich.

    Die Ferne überbrückt man nur durch Nähe. Und in der räumlichen oder geistigen Nähe versichert man sich (gegenseitig) der tatsächlichen Bedeutungen und Intentionen.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Es klingt paradox, dass der Schlüssel zur Entfernung die Nähe sein soll.
    Und ist leichter gesagt – in dem Fall geschrieben – als getan.

    Ich merke bei mir, wie in mir Ängste, Unsicherheiten hochkommen wenngleich es plausibel klingt und Sinn macht.
    Nähe zu anderen aufbauen, egal ob körperlich-räumlich-real oder geistig-abstrakt hat auch immer etwas von ausgeliefert sein oder sich so zu fühlen. Es bedarf eines enormen gegenseitigen Vertrauens.
    Doch auch das schützt nicht vor der Angst, den Menschen oder Zustand wieder zu verlieren oder verletzt zu werden.

    Mir ist allerdings bewusst, dass Leben anders nicht möglich ist. Aber es gibt eben Momente, wo man es auch nicht will.

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