Ausstellungsbesuch

Die Ausstellung »Baumeister der Revolution« im Martin-Gropiusbau in Berlin zeigt anhand von vielen Fotos und Textinformationen die kurze Schaffensperiode der russischen Avantgarde in der Architektur. Sie entstand nach der Oktober Revolution 1917 und dauerte bis 1935. Also nur wenige Jahre relativ freien architektonischen Gestaltens, bevor dies einer politisch forcierten, monumentalen Baukunst weichen musste. In dieser innovativen Architektur verkörperten die Architekten den Optimismus und die Energie jener Zeit des Umbruchs.

Inspiration gab ihnen der Konstruktivismus, der sich schon einige Jahre vorher entwickelte. Eine Symbiose zwischen Kunst und Architektur fand statt, die weltweit Beachtung und Bewunderer fand.

Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich an diese Austellung, die am 9. Juli zu Ende geht. Also ging ich in dieser Woche noch schnell hin, mit ziemlich hoher Erwartung. 

Es war zweifelsohne sehr interessant und informativ – sehr viel Text…  der mir innerhalb einer Ausstellung meist Mühe macht zu lesen. Und sehr viele Fotos. Die meisten vom englischen Architekturfotografen Richard Pare, der innerhalb der letzten zehn bis zwanzig Jahre die Überreste der Avantgarde-Architektur in Russland festhielt.

Viele der Gebäude sind heutzutage dem Verfall preisgegeben. Warum? Wegen Geldmangel für Instandhaltung? Wegen Unwissenheit über die Bedeutung dieser Werke? Mir erschließt sich das nicht aufgrund der Ausstellung.
In Vitrinen sieht man auch kleine Fotos – Zeitdokumente – die aufgenommen wurden als die Gebäude noch recht jung waren.

Neben den architektonischen Werken werden auch Zeichnungen und einige Gemälde jener Künstler gezeigt – zum Beispiel von El Lissitzky, Kasimir Malewitsch, Wladimir Tatlin, Ljubow Popowa und anderen – die die russische Avantgarde Kunst prägten. Das ist ein interessanter Brückenschlag und wie in Deutschland die Bauhaus Künstler, haben sich auch die russischen Avantgardisten gegenseitig befruchtet.

Ein wenig enttäuscht war ich, dass man nach einer Stunde schon durch ist – für zehn Euro. Irgendwie hatte ich wohl mehr erwartet. Es wird mir die Absicht der Ausstellung nicht klar – denn ich glaube kaum, dass nur das Aufhängen von Bildern und allgemeinen Informationen dieser Zeit gerecht wird. Es fehlt mir der entscheidende Punkt der Aussage.
Am eindrucksvollsten war gleich der erste Raum der Ausstellung, wo der Turm von Wladimir Tatlin als Modell in Szene gesetzt ist. Das war ein Aah… und es war klar, dass es um den Turm, um das Werk Tatlins geht.

In allen anderen Räumen reihten sich auf der einen Seite die Fotografien der Bauwerke aneinander. Davor die kleinen Vitrinen mit den Zeitdokumenten. Und auf der anderen Seite hingen an der Wand die Zeichnungen und wenige Gemälde. Die Zeichnungen meist nicht größer als Din A 4 und irgendwie unspektakulär aufgehängt. Für mein Empfinden ergaben die Werke der Künstler und die der Architekten so kein rundes Bild, bildeten sie keine Einheit.

Was in meiner Wahrnehmung hängen blieb sind die großformatigen Fotos (teils riesig von mehr als einem Meter Seitenlänge) und fast immer stand der Name Richard Pare dran. In meiner Erinnerung ist sein Name deutlich hängen geblieben – deutlicher als die Namen der Architekten zu den jeweiligen Gebäuden. Übrigens war Mr. Pare an der Kuration der Ausstellung beteiligt. Von daher ist mein Eindruck vielleicht kein Zufall.

Die Fotos von ihm sind übrigens exzellent in der Qualität. Und spiegeln sehr wohl einen wunderbaren Eindruck und den Flair der Gebäude wieder. Besonders bei den Innenaufnahmen ist die individuelle Raumgestaltung aufgrund der Konstruktion zu sehen, obgleich die Bauten von außen recht uniform, karg und spartanisch aussehen.

Mir kam der Gedanke, dass diese Künstler in einer sehr bedeutenden Umbruchphase lebten, wahrscheinlich beseelt von den Gedanken und der Hoffnung an eine wunderbare Zukunft, die sich nach ihrem Willen gestalten würde. Schnell wird klar, dass der Kommunismus und Sozialismus die Gleichförmigkeit, Uniformität bewusst bevorzugte und dennoch war es eine Zeit, wo noch Spielraum für Individualismus vorhanden war.
Das sieht man in Kleinigkeiten, in Details innerhalb der Gestaltung der Gebäude, der Treppenläufe, Fenster, Böden… Wunderschöne Details, die es liebenswert machen und sofort signalisieren: in so einem Raum will ich wohnen. Zum Beispiel in diesem runden Bau, dem Melnikow Haus mit den Fenstern wie Bienenwaben, mit Parkettböden und einem so großen und hellen Raum, so hoch, der perfekte Atelierraum! Einfach nur schön…

Was auch klar wurde, dass durch die Landflucht der Menschen, die nun alle in den aufblühenden Städten leben und ihr Glück versuchen wollten, eine enorme Herausforderung für die Verantwortlichen hochkam. Denn diese Massen an Menschen wollten versorgt sein. So entstanden die ersten Massenproduktionen im Lebensmittelbereich wie zum Beispiel Großbäckereien.

Eine kraftvolle Zeit, in der einige beseelte Menschen Bedeutendes geschaffen haben – eine Zeit, die ihre Sehnsüchte und Hoffnungen leider nicht in eine glückhafte Zukunft transportieren konnte.

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