Dresden, den 7.2.1816

Ewr Exzellenz haben es gesagt, in Ihrer Biographie: „So ist doch immer das Finale, daß der Mensch auf sich zurückgewiesen wird.“ Auch ich muß jetzt schmerzlich aufseufzen: „ich trete die Kelter allein!“ — Ich kann es nicht verhehlen, daß es mich sehr geschmerzt hat, so gar keine ernstliche Teilnahme, Rückwirkung, Erwiderung von Ihnen erhalten zu haben. Die Erfüllung meiner ersten Bitte hoffte ich viel zuversichtlicher, als ich mir merken lassen mochte: ich war der lebhaftesten Teilnahme gewiß. Diese sanguinischen Hoffnungen erblaßten allmählich: aber nach so langer Zeit, so vielen Schreiben, auch nicht einmal Ihre Meinung, Ihr Urteil zu erfahren, nichts, gar nichts als ein zögerndes Lob und ein leises Versagen des Beifalls, ohne Angabe von Gegengründen: das war mehr als ich fürchten, weniger als ich je hoffen konnte. Indessen bleibe es ferne von mir, gegen Sie mir auch nur in Gedanken einen Vorwurf zu erlauben. Denn Sie haben der gesamten Menschheit, der lebenden und kommenden, so vieles und großes geleistet, daß alle und jeder, in dieser allgemeinen Schuld der Menschheit an Sie, mit als Schuldner begriffen sind, daher kein einzelner in irgendeiner Art je einen Anspruch an Sie zu machen hat. Aber wahrlich, um mich bei solcher Gelegenheit in solcher Hoffnung zu finden, müßte man Goethe oder Kant sein: kein anderer von denen, die mit mir zugleich die Sonne sahen.
Sonderbar nun scheint es mir selbst, daß die verfehlte Teilnahme bei Ihnen, statt meine gute Meinung von meiner Arbeit zu schwächen und meinen Mut niederzuschlagen, beide fast erhöht zu haben scheint. Ich bin fest überzeugt, daß meine Theorie vollkommen wahr, neu und, soweit der Gegenstand es zuläßt, wichtig ist. Ich bin eifriger als je, die Entdeckung meinem Namen zu vindizieren, und ich habe mich kurz entschlossen, die Schrift noch nächste Messe herauszugeben. Fast ist es, als ob ich von Ihrer Aufnahme appellieren müßte, nicht an die des absurden Haufens, sondern an das Urteil der einzelnen Denkenden und Urteilsfähigen unter jenen Millionen, die hin und wieder und in weiten Zwischenräumen der Zeit und des Orts zerstreut erscheinen und die es eigentlich sind, was man Nachwelt nennt: denn das Ganze der Nachwelt ist so verkehrt als die Mitwelt. Ich weiß, wie das Pack, welches Katheder und Literaturzeitungen innehat, gegen mich bellen wird: aber seit ich Ihnen meine Schrift schickte, habe ich in Menschenverachtung neue und so starke Progresse gemacht, daß ich bereit bin, im Tun und im Denken die Meinung des ganzen Menschenhaufens nötigenfalls für nichts zu achten …

In unwandelbarer Verehrung verharred
Ewr Exzellenz ergebenster Diener

 

Dr. Arthur Schopenhauer
Dresden, den 7. Februar 1816

 

Brief von Arthur Schopenhauer an Johann Wolfgang von Goethe

© Die Fünfzig Bücher, Band 10
Verlag Ullstein & Co., Berlin und Wien
Aus dem Nachlaß von Paul Erich Mell, 3. Oktober 1917

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One Response to “Dresden, den 7.2.1816”

  1. Frau Schmidt sagt:

    Offensichtlich ein uraltes Menschenproblem oder zwischenmenschliches Problem: die Sache mit der Anerkennung und Wertschätzung, dem letztendlich auf sich allein angewiesen sein und den Weg alleine gehen. Abgesehen von ein paar Überschneidungen hier und da.

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