Namen und Zahlen.

Ich war letzten Montag bei P. Ich hatte ihn kurz angerufen und bin dann vorbeigefahren weil er Zeit hatte und ich ein Auto. In unserem Gespräch schleuderte er mir einen Satz an den Kopf, der nachwirkt. Jetzt gerade. „Nimm‘ Dich nicht so wichtig!“, schlug er mir entgegen.

Wir forschten gerade online bei der Kriegsgräberfürsorge, die Daten gefallener Soldaten der beiden Weltkriege in einer Datenbank anbietet. Ich habe ihm zu erklären versucht, was mich daran entsetzlich nervt: Die Abstraktion der Daten: Bla, bla, blubb – und fertig! Namen und Zahlen.

Das hatte ich Frau Schmidt gegenüber vor drei oder vier Wochen auch schon erwähnt: „Das einzige was von uns übrigbleibt – und zwar völlig egal was wir auch tun oder nicht – ist unser Name, unser Geburtsdatum und unser Sterbedatum.“ Und das ist völlig inakzeptabel und lächerlich, wenn man bedenkt wie anspruchsvoll unser Leben inzwischen geworden ist.

Man sieht anhand der Lebens- und Sterbedaten nur noch einen Scheiß dessen, was jeder einzelne wirklich hat durchmachen müssen, welche Ängste und Katastrophen diese Menschen durchgestanden haben und welche Sorgen sie sich gemacht haben oder wofür sie eingestanden sind, wofür ihr Herz schlug. Ich denke, dass das Leben schon immer fürchterlich war, manchmal auch nur fürchterlich banal, aber keiner spricht davon.

Daraufhin hatte er mir gesagt: „Ja, aber das weiß ja jeder“ und meinte wohl damit, wenn man einen Namen, ein Geburtsdatum und ein Sterbedatum liest, dann könnte man wohl alle gängigen Lebensumstände (innerhalb des spezifischen Lebenszeitraums) vorausahnen, voraussetzen. Aha, man „weiß“ also alle Parameter, die in einem Leben passiert sein könnten, weil das mit einem Geburtsdatum, einem Namen und einem Sterbedatum einhergeht?! – das finde ich gerade überhaupt nicht. Das würde ja bedeuten, dass wir in einer bewußten, in einer humanistischen Welt leben, in einer Gesellschaft in der alle rücksichtsvoll, verständnisvoll und sensibel miteinander umgehen und interessiert aneinander sind – was ich erlebe ist das krasse Gegenteil. Und überhaupt: Von P. alle über einen Kamm geschoren zu hören erstaunt mich – gerade darin zeigt sich aber das Wesen unserer Welt.

Natürlich sind die allerwenigsten sensibel. Draußen gilt das Recht des Stärkeren, da kann man sich keine Schwächen erlauben. Und wer sich vermeintlich stärker fühlt, wird dem Schwachen, Sensiblen immer aufs Maul hauen und irgendeinen Scheiß ihm reindrücken, ihn verarschen oder ihm immerhin eine herabwürdigende Bemerkung entgegenschleudern.

Grundsätzlich stimmt vielleicht: „Aber das weiß ja jeder“, doch nur die wenigsten handeln danach. Natürlich kann man über den Friedhof gehen und ahnen: Alle die hier liegen hatten es auch nicht leicht. Schließlich sind sie ja tot, also muß es wohl schlimm geendet sein. Fakt ist, dass man nichts über die Leute erfährt. Bei alten Gräbern sind immerhin manchmal Berufe eingeschlagen, bei neueren Gräbern sind die Klebebuchstaben dafür zu teuer. Da muß man zwölf Bohrungen extra machen, das kann sich keiner leisten, außerdem macht man das heute nicht mehr – also im Tod noch mit Titeln prahlen oder einem verächtlichen Zitat für die Nachwelt. Warum dann nicht gleich eine anonyme Bestattung, wenn die Menschen schon im Leben keine Rolle spielen? Namen und Zahlen sind doch Heuchelei.

Überdies werden die Gräber nach 30 Jahren abgeräumt, danach sind auch die Namen aus der Öffentlichkeit ausgelöscht. Die verstauben nur noch in irgendwelchen Archiven, außer Statistikern interessiert sich ohnehin niemand dafür. Insofern ist dieser ganze Kampf den wir durchmachen, unser gesamtes Lebensunglück völlig irrelevant. So gesehen hat P. recht: Ich nehme mich schon zu wichtig. Schließlich kostet es mich meine ganze Kraft einen vernünftigen Standpunkt in meinem Leben hinzukriegen. Einer der mir möglichst ähnlich sieht – ich kann jetzt noch nicht alles sausen lassen. Jetzt noch nicht.

Ich ahne jedoch aus welcher Richtung das kommt. Auf P. kommt es in seinem Leben inzwischen gar nicht mehr an. Er hat alles sausen lassen. Er mußte. Es geht stattdessen nur um den Vater. Nein, es geht genaugenommen nur um die nachweisbare Kreislauf- und Stoffwechselfunktion seines Vaters, um seine Ansprüche gegenüber der Rentenkasse aufrechtzuerhalten. Wer oder was er ist? – darum geht es gar nicht. Diese Ansprüche ermöglichen ihm ein süßes Leben. Sie entschädigen ihn jetzt dafür, dass es in seinem Leben auch nicht auf ihn angekommen ist.

Wir reden manchmal auch abschätzig davon, zumindest ich, dass P.’s Vater die gebratenen Tauben mehr oder weniger in den Mund geflogen sind. Er hatte dreißig Jahre denselben Job und mußte nicht eine einzige Bewerbung dafür schreiben. Allerdings erst nach einer Zeit, in der es ihm auch ein bißchen schlecht gegangen ist: Er kam als junger Mensch nach England ins Gefangenenlager, mußte dort über Monate in derselben Unterwäsche herumlaufen und durfte nach einiger Zeit wieder nach Hause. Danach kam schon das Wirtschaftswunder, dann hat er zehn Jahre gearbeitet, sich ein Haus gebaut, dann nochmal zwanzig Jahre gearbeitet – nichts anstrengendes, nichts wo man sich verausgabt oder irgendwelche Krankheiten davonträgt oder Depressionen.

Und später hat er eben seine Rente bekommen und fühlt sich alle Zeit ermuntert, weil in seinem Leben alles wie am Schnürchen gelaufen ist, was zweifelsohne – in seiner Selbstwahrnehmung – allein sein Verdienst war, seinem einzigen Sohn Vorschriften zu machen und seine Machtposition bei jeder sich bietenden Gelegenheit auszunutzen. Natürlich sind es nur wohlmeinende Ratschläge. Er hat seinen Sohn zwar später auch unterstützt, jedoch nur zu den Bedingungen, die er selbst vorschrieb und eine dieser Bedingungen war natürlich, dass er ihm in sein Leben reinquatscht, unter Mißachtung aller Hoffnungen und Vorstellungen oder überhaupt nur zu ahnen, was sein Sohn mit seinem Leben verbindet.

Der Vater hat mit einem Handstreich alle Sentimentalitäten „Papperlapapp“ vom Tisch gefegt, weil es in seinem eigenen Leben nach „Schema F“ funktioniert hat. Der Sohn hat dazu kapituliert, weil in seinem eigenen Leben nichts davon geklappt hat. Weder nach „Schema F“, noch nach irgendeinem anderen Schema irgendeiner Kategorie.
Dabei hatte sein Vater lediglich das große Glück gefragt zu sein, da viele Soldaten und weite Teile der männlichen Bevölkerung im Krieg umgekommen sind. Weil man als Mann nach dem Krieg gebraucht wurde, wenn man nur einwandfrei navigieren konnte, wenn man wenigstens seinen Namen stottern konnte. Aus diesem Grunde der Anwesenheit „zur rechten Zeit am rechten Ort“ ist z.B. aus allen meiner männlichen Familienmitglieder in dieser Alterskategorie „etwas“ geworden. Aus dem einen mehr, aus dem anderen weniger, aber aus allen ist „etwas“ geworden.

Dass man aber auch zu dieser Zeit ein anderes Leben hat führen können hat damals Onkel Bernhard bewiesen. Ich weiß nur noch aus dem Kopf, dass er fünfzigjährig starb und zwar ohne mir von einer Karriere, einer wichtigen Position oder einem herausragenden Beruf erzählt zu haben. Stattdessen hat er mir von seiner Alkoholsucht und seinen Krankenhausaufenthalten erzählt und mir dazu seine Tattoos gezeigt.
Die einzige Person mit der ich heute über ihn noch sprechen könnte, wäre mein Vater. Und dieser würde aus seiner vermeintlich stärkeren Position, von seiner Warte aus das Leben von Onkel Bernhard aburteilen, wenn er überhaupt dazu etwas zu sagen wüßte. Mir kam gerade in den Kopf, dass er ihn schon zu Lebzeiten herabgewürdigt und mit verächtlichen Namen bedacht hat. Sowas ist damals oft gefallen. Eigentlich bei jedem Zusammentreffen der beiden.

Also ist es ganz offensichtlich dass die Lebenden nicht im mindesten den Blick, nicht das Gespür und auch nicht das Interesse für andere lebendige Menschen haben, insbesondere nicht wenn diese andere Ideen oder Meinungen vertreten. Gegenüber Toten kann man sich endlich alle Rücksichtslosigkeiten erlauben. Wenn man schließlich gestorben ist wird zunächst einmal das wichtigste notiert: Das Geburtsdatum, der Name und das Sterbedatum – Namen und Zahlen. Und nach 30 Jahren wird das abmontiert. Und alle Nöte und Sorgen mit den man sich sein ganzes Leben herumgetragen hat, mit denen man sich abgeplackt hat sind vergessen.

„Nimm‘ Dich nicht so wichtig!“– vielleicht sollte ich das tun.
Vielleicht aber jetzt noch nicht.

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One Response to “Namen und Zahlen.”

  1. Frau Schmidt sagt:

    »Du nimmst Dich zu wichtig…« Hmm… kommt mir irgendwie bekannt vor. 
Derlei hört man in anderer, ähnlicher Form als Kind:»Das ist nichts für Dich… Das verstehst Du nicht… Es geht nicht immer nach Deinem Kopf…« Und ähnliche Sprüche.
 Folgerung? Ich bin nicht wichtig, dafür aber die Streitereien der Erwachsenen, der Alltagsscheiß.

    Ich finde, wenn sich JEDER wichtig nehmen würde auf eine humane Art, dann würde JEDER auch selbstverständlich sein Umfeld, seine Mitmenschen wichtig nehmen und ihnen notwendigen Respekt und Aufmerksamkeit zollen.

    Es nehmen sich aber ALLE nicht wichtig und folglich sind es auch andere nicht, folglich dürfen es auch andere nicht sein. Folglich entsteht in dieser Unwichtigkeit die Sinnlosigkeit und letztendlich das Vergessen.

    Und da kommt die Absurdität vollends zur Blüte: Jemand, der das Leben und die Lebenden wichtig nimmt, der meint, sie sind mehr als Namen und Zahlen – so einer bekommt zu hören, er nimmt sich zu wichtig!

    Deiner Schlußfolgerung, daß dann eine anonyme Bestattung ehrlicher ist und plausibler, stimme ich voll zu. Ich würde am liebsten auf dem Meer verstreut werden – aber das ist natürlich in der Form verboten. Verpackt wie ein abgelaufenes Lebensmittel, dann ist es in Ordnung.

    Ich sah vor mehr als einem Jahr einen sehr kurzen Bericht über eine Studienarbeit zweier Designstudenten, die sich mit dem Thema der individuellen Grabstätte auseinandersetzten. Leider habe ich es mir damals nicht aufgeschrieben und finde im Netz nichts dadrüber. Was sehr schade ist, denn ich fand die Arbeit bemerkenswert und kann sie nur noch bruchstückhaft wiedergeben:
 Es wurde von dem verstorbenen Menschen eine Chart angelegt mit all seinen Lebensdaten, Ereignissen, vielleicht auch Erlebnissen (das weiß ich nicht mehr so genau) und aus dieser Chart wurde digital eine Form generiert, die wie eine Landschaft in Kunststein gegossen wurde. Logischerweise sah jeder „Stein“ anders aus. Und es bestand die Möglichkeit, sofern der Verblichene dazu die Einwilligung gibt, dass man sich dessen Leben nicht nur in dieser abstrakten Form anschaut, sondern als Chart auf einem Monitor erklären lässt.

    Meine Umschreibung ist leider sehr lückenhaft – kann nicht das ausdrücken, was ich so faszinierend fand an dieser Idee. Es hatte zumindest den Ansatz, daß das Leben eines einzelnen Menschen nicht in Vergessenheit gerät.

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