Ich glotz‘ TV.

Genervt von Zivilisation! Wahrscheinlich ist das Fernsehen schuld. Dieser Film, in dem alle Schauspieler ausnahmslos verpeilt und blöde waren. In dem auch alle Handlungen vorhersehbar waren, also dass man genauestens wußte, was im nächsten Augenblick an völlig konstruiertem Irrsinn passiert, z.B. wenn Leute in Lebensgefahr erst anfangen zu diskutieren, oder sich ihre Liebe zu gestehen, oder sich zu irgendwelchen obskuren Traumdeutungen hinreißen lassen. Es ist jedem klar, dass im nächsten Augenblick etwas ganz unbeschreibliches passiert – außer den Schauspielern. Unter Zuhilfnahme sämtlicher kinematografischer Kniffe, aufwendigster Technik und vielfach ausgezeichneter Expertise des Regisseurs wird leider nur völlig vorhersehbare Scheiße erzeugt.

Was einen selbstverständlich wütend werden läßt, man wird wirklich für dumm verkauft! Als wäre das alles nicht bis ins kleinste vorhersehbar. Die Rollen, wie sie angelegt sind, hochgradig unglaubwürdig und beleidigen die Intelligenz, wenn z.B. angebliche „Wissenschaftler“ keine Vorsicht walten lassen bei Originaldokumenten (zwecks besserer Lesbarkeit diese direkt in die Kerzenflamme halten), bei hochgefährlichen Biowaffen und Killerbakterien haben die Protagonisten immer noch Zeit irgendwelche hirnrissige Mätzchen abzuziehen (nach allen Anstrengungen die Welt zu retten erstmal Picknicken, Bleigießen oder Waldameisen bei der Paarung beobachten und – ganz wichtig – wegen Gewissensbissen den gemeingefährlichen Bösewicht selbstverständlich und jedesmal am Leben lassen). Offensichtlich sollen die Schauspieler durch ihre Verblödetheit und grenzenlosen Infantilismus auch noch besonders liebenswert und menschlich erscheinen. Dabei kommt mir die kalte Kotze hoch. Das ist einfach keine intelligente Unterhaltung, sondern das Gegenteil davon – es ist nicht zu verstehen.

Als es in dem einen Kanal schon nicht mehr auszuhalten war, als bereits der nächste Tiefpunkt mich erwartete, habe ich sicherheitshalber umgeschaltet und dann ein bißchen Wissenschaftsscheiß geguckt, der mich wenigstens nicht mit einem konstruierten Wahnsinn geißelte. Und selbst wenn es konstruierter Wahnsinn gewesen wäre, beim Tiefseetauchen bin ein einfach nicht so sehr im Thema, als dass ich den Vortrag im binnen zwei Sekunden auseinandernehmen könnte. Leider war die Sendung unmittelbar zuende und ich mußte mir abermals eine Zuflucht suchen, wo ich vielleicht die letzte Stunde des Tages zubringen könnte und landete auf Arte, bei so einer angepaßte-Arschloch-Kultursendung für das Bildungsbürgertum, bei einer Reportage über die Abschlußgala der Berlinale 2012.

1.500 geladene Gäste konsumieren irgendwelche beliebige, subventionierte Scheiße im Glas- und Stahlpalast und stellen ihre Gedankenfäule zur Schau. Ist das nun die Wirklichkeit? Nein, das ist nur ekelhaft mitanzusehen: Nichtswürdige Schauspieler, die immer nur sich selbst spielen können, Vorzeigeintellektuelle, die nicht einen Gedanken zuendebringen, Politikerdarsteller, die wegen der Steuerförderung auch noch glauben es sei ihre eigene Veranstaltung. Man muß sich nur vorstellen: All diese Dachlatten kriegen den Arsch mit Geld tapeziert und geschmacklose Preise hinterhergeschoben, sonnen stolz ihre Hackfressen im Scheinwerferlicht und sprechen ihre dummen Ansichten in alle Fernsehkameras. Eine vulgär inzenierte Wirklichkeit, ein öffentlich-rechtlicher Trivialroman, eine unsägliche Provokation: Wenn der gesellschaftliche Abgeschmack sich selber feiert – es ist nicht auszuhalten.

Die Sendung mündete in einen unterirdischen Dialog zweier Moderatoren, einem Vorzeigefranzosen, den man noch nie irgendwo gesehen hat und so einer Adelstante mit einer unsäglichen Figur, die sie die ganze Zeit über ungelenk und irgendwie querschnittsgelähmt durchs Bild schob. Natürlich war diese nicht etwa für ihre brilliante Moderation oder ihren anmutigen Gang mit der Reportage betraut, offenkundig sollte diese einfach nur ihren Namen spazierentragen, mit ihrem von-und-zu-Titel dieser Dummsendung ein Adelsprädikat verleihen und für das leichtgläubige Publikum vor der Idiotenlampe zuhause den außerordentlichen Wert der Veranstaltung für die bundesrepublikanische Hochkultur unterstreichen.

Zum Schluß der Sendung gab es noch einen Kurzbericht über sogenannte PopUp-Restaurants in Berlin. Als Event werden einen Monat lang in leerstehenden Immobilien Restaurants eröffnet, die selbstverständlich sämtlich ausgebucht sind. In meiner Stadt kann man anbieten und aufpoppen was man will, und da ist gar nichts ausgebucht. Da steht man sich nur die Beine in den Bauch, und es gibt auch keine Leute die sich dafür interessieren, und es gibt auch kein Nachtleben außer diese gängige verpeilte Teeniescheiße: Komasaufen zu schlechter Musik mit anschließendem Gangbang. Das ist dann der Hirnriß, den diese Leute hier abfeiern – es ist nicht zu verstehen und auch nicht auszuhalten. Bin genervt von Zivilisation.

Nina HagenTV-Glotzer (1978)

Allein!
Die Welt hat mich vergessen
Ich hänge rum!
Hab’s bei allen verschissen
Ich sitz‘ zu Hause
Keine Lust zu gar nichts!
Ich fühl‘ mich alt
Im Sumpf wie meine Omi:
Ich schalt‘ die Glotze an
Die Daltons Waltons, everyone
Ich glotz‘ von Ost nach West, 2, 5, 4
Ich kann mich doch gar nicht entscheiden,
Ist alles so schön bunt hier!
Ich glotz‘ TV
Ich glotz‘ TV
Wow!

Ich bin so tot!
War das nun schon mein Leben?
Meine schöne Phantasie!!
Meine Schaltstellen sind hinüber
Ich schalt‘ die Glotze an
Happiness, Flutsch-Flutsch! Fun fun!
Ich glotz‘ von Ost nach West 2, 5, 4
Ich kann mich gar nicht entscheiden,
Ist alles so schön bunt hier!
Ich glotz‘ TV
Ich glotz‘ TV
Yeah!

[…]

http://www.youtube.com/watch?v=ixbzAbLWOAU

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One Response to “Ich glotz‘ TV.”

  1. antidot sagt:

    Also ein entfernter Freund von mir würde ja sagen:“Selber schuld wenn man den Ausschaltknopf nicht findet oder zu blöd, den zu betätigen…“
    Aber so frech bin ich nicht und sage das nicht.
    Doch ich weiß ein Dutzend Dinge, die man stattdessen tun könnte – auch in einer Stadt wo nichts los ist, wo nur die Teenies versuchen den letzten Lebenshauch in sich abzutöten.

    Es gibt jedoch Tage und Lebenssituationen, wo sich selbst abtöten die einzige Lösung zu sein scheint – egal ob als Teenie oder Betagter, egal ob mit Alk oder TV or what ever. Soviel Selbstbestimmung ist uns immerhin geblieben in dieser schönen bunten geilen Zivilisation.

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