Von Gräbern und Gruften

Ein kalter Sonntag mit verhangenem Sonnenschein im Januar. Es hatte den Abend zuvor geschneit und eine leichte Decke aus frischem Schnee lag über allem. Ich dachte, ein Spaziergang auf dem Friedhof in der Nähe ist sicherlich der richtige Rahmen, um die weiße Stille zu genießen. Doch ich bedachte nicht, daß es Sonntag war – ein Grund für viele, ihre Toten artig zu besuchen. Und als ich da war, sah die weiße Pracht auch nicht mehr frisch und unberührt aus. Dennoch tat die kalte Luft meinem Kopf gut.

Der Friedhof ist relativ groß. Ein alter Wasserturm, aus Backsteinziegeln zwischen 1915 und 1919 erbaut, dient mir immer als Orientierung, da in seiner Nähe der Eingang ist, den ich benutze. Der Turm wurde wohl nie als Wasserspeicher genutzt, weil Steglitz nach dem ersten Weltkrieg an das öffentliche Wassernetz angeschlossen wurde. So stand er lange leer, wurde innen umgeplant und umgebaut, stand wieder leer und verfiel. Er steht ja unter Denkmalschutz und für solche Gebäude gehört sich das so. Anfang des neuen Jahrtausends fand sich ein privater Investor, ein Medizinischer Verlag, der das Innere des Turms aufwendig denkmalsgerecht sanieren ließ und nun dort seine Büroräume hat. Für die Restauration der Außenfassade mußte der Bezirk aufkommen.
Ein schöner Bau, wuchtig, erhaben und erst seit notwendiger Erweiterung des Friedhofs zwischen den Weltkriegen ist er in diesen integriert.

Wasserturm
Planungsbüro
Verlag
Friedhof

Aber meine Gedanken kreisten nicht allein um diesen runden Bau.
Worum dann? Natürlich um Leben und Tod, Sein und Vergehen. So viele Gräber mit vielen Namen, dennoch für mich namenlos… So viele namenlose Gräber aus längst vergangenen Zeiten…
Der Zahn der Zeit hatte an den meisten genagt, nicht nur in der Erde. Offensichtlich macht der gesellschaftlich-soziale Stand auch im Tode nicht halt. Entsprechend schlicht oder prunkvoll sind Grabstätten angelegt und werden gepflegt oder eben nicht und verfallen. Warum sie nicht gepflegt werden hat sicherlich vielerlei Gründe: kein Hinterbliebener oder wenn, dann einer dem’s schnurz ist oder eben kein Geld oder…

Ich kann mich auch nicht mit den gepflegten Gräbern anfreunden. Sie interessieren mich nicht. Erst wenn der morbide Charme aus ihnen spricht oder der Hauch des Vergessens zu mir dringt, dann werde ich aufmerksam und schaue genauer hin.
Die alten Familiengruften, die oftmals immer noch tadellos sind, reizen aus gestalterischer Sicht nur wegen des Pomps und großbürgerlichen Habitus, der aus längst vergangener Zeit stammt.

Und da bin ich wieder bei der Zeit…
Wer oder was ist sie? Wo ist sie hin? Sie ist mit so viel Bedeutung behaftet, keiner kann sie erklären. Laut Wörterbuch-Definition ist sie eine physikalische Größe, die den Lauf der Gegenwart aus der Vergangenheit kommend in die Zukunft gehend definiert. Hört sich plausibel an, ist aber auch völlig abstrakt. Ein total abstraktes Gefüge – sollten wir darauf nicht verzichten können? Wie wäre es, tatsächlich nur im Hier und Jetzt zu leben? Wäre das wirklich das Paradies, der Glückszustand, weil alle Gedanken und Sorgen um das Vergangene oder Zukünftige nicht relevant wären?

Könnte sein, scheint aber nicht machbar. Eine Zukunft würde es nicht geben, wenn wir sie in unserem gegenwärtigen Sein nicht mit einbeziehen würden, gestalten würden, durch unsere Träume, Wünsche und Visionen. Und hätten wir diese nicht, dann würden wir sterben – tot sein wie all die Toten hier in ihren Gräbern. Teils habe ich sie sogar beneidet, daß sie ohne Sorgen und Nöte nun da liegen.

Aber die Vorstellung, ohne Träume, Wünsche und Visionen zu sein, die erschien mir absurd und für mich noch nicht an der Zeit.

Fotos: © 2012   A. Schmidt

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6 Responses to “Von Gräbern und Gruften”

  1. Admin sagt:

    »Das Leben ist eine Anstrengung, die einer besseren Sache würdig wäre.«
    Karl Kraus

    • Frau Schmidt sagt:

      Diese Aussage von Herrn Kraus klingt so simple und logisch.
      Dennoch merke ich, dass sie viele Widerhaken hat, Reibungspunkte, zumindest für mich. Irgendwie will ich dagegen ankämpfen, will es widerlegen – aber schaffe es nicht.
      Und ich bemerke immer wieder in meinem Leben, dass da innerlich diese verdammt verzweifelte Hoffnung ist, dass doch alles letztendlich für irgendetwas gut sein muss, einen Sinn haben muss. Dass ich immer meine, alle Anstrengung war nicht umsonst… Und ich käme gar nicht auf den Gedanken, mich nicht anzustrengen.
      Aber ich habe keinen Schimmer was der Lohn sein soll – noch nicht mal, welche Art von Belohnung ich erhoffe. Es ist einfach da, dieses Gefühl – es war schon immer da, wie selbstverständlich…
      Es will nicht aufgeben.

  2. Euro2012 sagt:

    Chinese Proverb: „He who hurries can not walk with dignity.“

  3. Eike sagt:

    Tolle Ausfuehrungen! Ich werde mich damit in Zukunft mehr auseinandersetzen! Warte auf die naechsten Eintraege!

  4. Melvon sagt:

    Gefaellt mir sehr der Blog. Gute Themenwahl.

  5. Arne sagt:

    Schoener Post, ich komme nun regelmaessig

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