In Freundschaft.

Es ist bald Weihnachten – ich bin genervt. Es ist die Zeit in der sich Leute beschenken, weil es Zeit ist für Geschenke. Wie es allen dabei geht, wie absurd Gefühle, das Drumherum, die Zooveranstaltung inzwischen ist, ist dabei komplett unerheblich.

»Tun wir’s wenigstens für die Kinder.«

Ich habe keine, wollte keine. Habe das Scheißleben früh enttarnt und als solches klassifiziert. Man könnte meinen, ich hätte mir vielleicht keine Mühe damit gegeben. Es hat mich dreimal, zehnmal mehr Mühe gekostet Dinge, die alleroffensichtlichsten Dinge auszufechten und darzulegen, als einfach das zu dieser Jahreszeit umhergereichte, bereits durch alle Münder gegangene Yaksperma durchzukauen und an die nächsten Generationen weiterzureichen. Diese zähflüssige Melange aus Rührseligkeit, Pseudoreligiösität, aus verlogenem Schulterschluß mit dem Nächsten – bis sich die nächstbessere Fickmöglichkeit ergibt – und erbschleicherischem Vokabelnachsagen.

Nicht viel anders die verzweifelte Suche nach dem Mitmensch, der vielleicht selber Text kann, der auch Text anhören und aushalten kann – und nicht nur hinter Alkoholismus oder Autismus eine Biografie oder Lebenstauglichkeit oder wenigstens ernstgemeinte Lebensuntauglichkeit vortäuscht.

Freundschaft. Wie oft man sich irrt in seinem Leben. Man irrt sogar sein ganzes Leben. Man irrt sich auch in Menschen, die ganze verschissene Zeit. Sprache reicht wohl nicht aus um Wurzeln, um eine Basis auszubilden. Man redet – mehr oder weniger eloquent – aneinander vorbei. Das ganze ist so lange erquicklich sowie positive Übereinstimmung gefüttert wird: Man weiß plötzlich gar nicht mehr wie man ohne Beteiligung dieses neugewonnenen Freundes so alt schon werden konnte. Das Vorleben – ohne diese Freundschaft – kommt einem irgendwie unvollkommen und schal vor. Aber dieser Zustand ist ja nun dank (_______________ Name eintragen) überwunden. Diese neugewonnenen Menschen sprechen auch gut, nun, sie formulieren wohl ihre Ideale. Weiß kein Mensch wie sehr sie diesen auch entsprechen, jedenfalls formulieren sie das Gute, das Ehrenhafte – immerhin formulieren sie gut. Meist Allgemeinplätze. Wenigstens so gut, dass man darauf hereinfallen kann. Wenn man über Allgemeinplätze noch nicht hinweg ist.

Nach ein paar Wochen wechselt das Bild, oder die Stimmung, oder vielleicht hatten die Protagonisten die Mühsal sich beweisen zu müssen. Erste Irritationen tauchen auf. Die Diskrepanz zwischen dem gesprochenen Entwurf und erlebter Wirklichkeit wird deutlich. Plötzlich stellt man fest: Es ist alles ganz anders. Der Propagandatext hält der physischen Darbietung und Inszenierung kaum stand. Die Menschen fallen ab vom selbstentworfenen Bild, was sie vor unserem Auge erzeugt haben, erzeugen wollten?! Sind plötzlich Nullgeister, oder zusammengekniffen, leidlich lebensfähig, asexuell, geizig, whatever. Wie geht das zusammen? Das hörte sich vor drei Wochen alles noch anders an. Das sah auch anders aus. Und jetzt sieht es aus wie es aussieht: Jammervoll. Degeneriert. Verpeilt. Unwürdig.

Weihnachten. Es ist also die Zeit in der sich Leute beschenken, weil es Zeit für Geschenke ist. Ich muß/soll zwei dieser Kandidaten aus meinem assoziativen Kreis beschenken, weil die Zeit gekommen ist, auch für Demut und generelle Demütigung. Sogar für meine Entmutigung und Enttäuschung, dass diese Menschen etwas in meinem Leben bewirken und darstellen könnten, muß ich also auch noch Geschenke verteilen.

Ich habe soeben beschlossen: Ich mache keine Geschenke mehr wenn sie nicht etwas zu bedeuten haben. Ich kann jedoch auch Menschen, die mich enttäuscht haben, ein Geschenk machen. Wenn sie sich für einen Moment beweisen können, wenn sie den Göttern schmeicheln und zeigen dass sie eine Aufmerksamkeit verdient haben. Das passiert nicht an Weihnachten. An Weihnachten sind alle mit irgendwelchem, hanebüchenem, verlogenem Scheiß beschäftigt: Mit Pseudoritualen, die keiner mehr begreifen kann und will.

Es wird Zeit sich näherzukommen – oder sich für immer fernzubleiben. In Freundschaft.

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3 Responses to “In Freundschaft.”

  1. Frau Schmidt sagt:

    Silent greetings into the void, into the nothingness.

  2. Admin sagt:

    Die Grüße mixt sich der Herr ins Getränk. Ein stiller Gruß zurück weil Du nicht aufgekackt hast – schön, dass man sich an Weihnachten nichts beweisen muß und einfach so sein kann wie man gerade ist: Schlechtgelaunt und gewaltbereit – ein Keil, das Ungemach, am Ende sogar der Fehdehandschuh im Simulans des allumgebenden Weihnachtsgetöses.

    Mein Vergeltungsgeschenk ins Allgäu ist detoniert, den Weihnachtsendsieg feiere ich gleich mit Brother John aus Irland. Morgen ist alles vergessen, der Sieg und auch der Freund. Mit ein bißchen Glück fängt das Leben in ein paar Tagen von vorne an.

  3. antidot sagt:

    Gestern erlebte ich unerwartet das, was ich mir gewünscht hatte und nicht gewagt hatte zu hoffen. Es war also auch in diesem vertrackten Dezember 2011 noch ein Restglühen an Magie möglich.

    Ein Telefonat mit einem Freund war wie das schwache Leuchten eines Sterns am Nachthimmel.

    Und mein Wunsch: alle Verletzungen, Missverständnisse und unaufgelösten Punkte beiseite legen, vergessen, abhaken – und sich völlig neu begegnen. Bereit sein, neue Seiten an dem Gegenüber zu sehen, zu erleben und offen zu sein, um sich immer wieder neu wahrzunehmen. Dieser Wunsch wurde gestern mit einem ersten Schritt erfüllt.

    Und diesen ersten Schritt tat leider, glücklicherweise nicht ich.

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