Objektiv vs. Subjektiv

Als ich mich vor einigen Tagen in einem Video sah, das ein Freund von uns während eines Gesprächs gemacht hatte, war mir als schaue ich einer Fremden zu. Zugegeben gibt es sonst kaum Filmaufnahmen von mir, außer wenige Super8 Filmchen aus der Kindheit. Es ist lange her und die existieren wohl auch nicht mehr. Das hatte eher was von: als die Bilder laufen lernten – wenn der Vati die tolle neue Kamera ausprobiert…

Was mich völlig irritiert ist, dass ein Kameraobjektiv ein Bild von mir erschafft, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Aber schließlich ist es ein Objektiv und sollte objektiv sein, also seinen Job machen. Das gleiche Phänomen kenne ich bei Fotos von mir. Die wenigsten sind so, dass ich sie mag oder mich dadrin erkenne.

Aber wer bin ich? Offensichtlich habe ich ein anderes Bild von mir als die Objektive. Ich trage einen Entwurf in mir, der eine Collage ist aus Erinnerungen an die Jugendzeit, angestrebten Idealen und den positivsten Seiten, die ich aufbieten kann — aus meiner Sicht natürlich. Auch der tägliche Blick in den Spiegel, der durchaus kritisch ist, zeigt mich meist dichter an meinem Entwurf als das Kameraobjektiv.

Es gehört einige Übung dazu, vor dem Objektiv den Zauber des Menschseins unbefangen zu offenbaren. Aber kann das Objektiv in seiner Eigenschaft diesen Zauber überhaupt objektiv einfangen? Das, was in jedem Augenblick stattfindet in einer, zwei oder mehreren Personen an zwischenmenschlichen Gefühlen, Gedanken… das was den Menschen ausmacht…

Es scheint als wenn das Objektiv unverfälscht die Wahrheit einfängt und wiedergibt. Aber man kann dem Objektiv auch etwas vorspielen wie es Tausende von Spielfilmen beweisen.

Ich kann mir auch etwas vorspielen in meinem Leben. Das ist wohl geschehen wenn ich mich kaum erkenne. Es quält mich die Frage: was ist nun real und wahr, wer bin ich? Diejenige, die sich spürt und empfindet und ihre Gedanken und Gefühle täglich erlebt? Oder diejenige, die objektiv gesehen wurde?

 

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No Responses to “Objektiv vs. Subjektiv”

  1. Chris K. sagt:

    Wenn Videoanalyse tiefste Einblicke offenbart.
    Nur so zum Trost: Ich habe auch meine Marotten und mich darüber ebenso gewundert dass mein Unterbewußtsein, meine mangelhafte Konzentration auf das wesentliche, plötzlich ein ganzes Bild, sogar die ganze Sequenz bestimmen kann.

    Nimm‘ die Räume wahr, die in solchen Momenten frei sind. Frei für Deinen Auftritt, für einen großen Entwurf, der – gut vorgetragen – genausogroß ist wie er gemeint ist. Es ist ein bißchen, wie einen großen Bogen teuren Papiers zu besudeln. Rücksichtslos, bestimmt.

    Ich glaube, genau das ist in manchen Augenblicken mein Zauber. Wenn ich den Zauber anblicke ist es nichts, wenn ich ihn vortrage ist es für manche Menschen das größte: Nur eine Pose, aber das größte. Es muß gar nichts mehr bedeuten. Es muß nur strahlen. Wenigstens für den Moment. Es muß für den Augenblick so aussehen wie das was es sein könnte.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Wahrscheinlich hast Du recht.

    Die Magie des Zaubers liegt im Moment und kann nicht Bestand haben als feste, starre Eigenschaft. Ebensowenig das, was das Wesen eines Menschen ausmacht.

    Also ist die Frage: »Wer BIN ich« völlig überflüssig. Denn das Wesen des Seins liegt ja in der Veränderung, sich im Fluss des Geschehens befinden, sich stets weiter drehen und bewegen und verändern.

    Allerdings entbindet uns das nicht, auch eine Vorstellung in uns zu tragen, ein Ideal, das es wert ist anzustreben. Und sich dadran auszurichten – immer wieder auf’s Neue.

    Denn sonst wären ja all die Spasten im Vorteil, die sich nichts merken und behalten können und meinen alles ist super und toll weil ohnehin jedesmal anders.
    Aber die sind eh im Vorteil, man kann es drehen wie man will…

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