Daniela.

Heute traf ich Daniela. Ich weiß nicht genau wie oft schon – sie ist schüchtern. Ich sitze beim Kunden und Daniela kommt herein. Ich bin freundlich gestimmt, offenherzig. Daniela ist klapprig: 50 Kilo, 80 Jahre und hat keine Schneidezähne, also Durchzug. Seit ich beim neuen Kunden sitze lasse ich Leute herein, in Erwartung von Umsatz. Der Auftraggeber versucht sich umständlich im Abstandhalten, das Elend größter Verzweiflung ist ihm unangenehm und auch sonst anzusehen, obwohl er in seiner neuen Lederjacke komplett isoliert und gar nicht beteiligt ist. Offenbar sind ihm Menschen ohne Gucci-Klamotten und ohne iPhone peinlich.

Daniela ist frei von soetwas. Von Gucci, Prada, whatever. Ich blicke sie freundlich an, schaue über alles, alle Unwichtigkeiten hinweg, mir ist nicht wichtig ob sie jetzt Zähne hat oder nicht – sie ist kein potentieller Sexualpartner und muß auch sonst nichts für mich darstellen. Sie muß nur Daniela sein. Und ich bin der junge Mann der sie wenigstens noch Daniela sein läßt. Sie kann mir mit ihren Augen begegnen, die brauchen nicht ausweichen, nicht scheu sein. Wegen was denn?

Wegen ein paar Zähnen, die nicht an ihrem Platz sind? Wegen grauer Haare, die fliegen? Daniela, ich reiche Dir meine Hand. Aus mir strahlt Feuer. Ich mach Dir soviele Fotokopien wie Du willst. Was kann ich denn mehr schon tun? Mehr kann ich kaum tun.

Ich schaue den angewiderten Kunden an und weiß genau warum sie mich angesprochen hat. Und ich werde ihr meine Nummer geben, nur um ihr Kopien zu machen – für immer.

Warum? Sie soll ihre Würde behalten – bis zuallerletzt. Und ich mache alle Kopien, die dazu notwendig sind. Und mein Blick weicht niemals aus. Das ist mein Versprechen. Und sie weiß es: Ich bin der junge Mann der sie grüßt, während alle übrigen seit dreißig Jahren durch sie hindurchsehen.

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