Schulterschluß mit Tätowierten.

Es muß 1976 oder 1977 gewesen sein – denn ’77 war er schon tot, mein Großonkel. Onkel Bernhard. Er hatte seinen Arsch fünfzig Jahre für nichts zusammengedrückt und es war kein Diamant daraus geworden.

Er trank heimlich Fanta auf den Wegen in die Stadt. Zwischen zwei/drei Bieren, die er nicht mehr durfte. Die Stadt, die vor 35 Jahren noch eine ganz andere gewesen ist – zwar bis heute ohne Ambitionen und ohne Durchblick, aber sie hatte damals viel stärker noch danach ausgesehen. Für alle Blender und Nullgeister ist sie inzwischen eine große Stadt geworden, eine ernstzunehmende, sogar eine Metropole – wenigstens für Fußballidioten, die aus dem geistlosen und gedankenfreien Umland kommen. Aber eine Stadt ist sie gerade im Gegenteil. Die Stadt ist nichtmal mehr das was sie mal war: Ehrlich. Und alle Menschen darin sind genauso verlogen, wie in jeder anderen modernen Stadt, wie in allen echten Städten. Das war mal anders. Das habe ich letztens erst gesehen: Im Brauereimuseum. Dort ist auf wenigen Quadratmetern das „alte“ Leben konserviert – und es sieht dort wirklich so aus. Also wie das „alte“ Leben. Das Leben, in dem Körpereinsatz und Trinkkultur noch anerkannt wurden, als Verzweiflung nur Tagesform war und das Ehrenwort – auch im Suff – noch Bestand hatte.

Doch hilft das nicht. Die Brauereikultur und ihre unaufrechten Versprechen hatten meinen Großonkel auf dem Gewissen. Das stimmt nur zum Teil. In erster Linie ist die Unmöglichkeit allen Lebens schuld. Für angepaßte Systemschafe ist jederzeit und allerorten Platz – es gibt Freiräume. Je blöder und kleingeistiger Du bist, desto größer die Überlebenschance im Kleingeistquadrat. Je eher Du Dich nicht zurechtfindest, je weniger Du Dich mit Allgemeinplätzen zufriedengibst, je mehr Du persönliche Antworten auf nur irgendwas haben möchtest wird die Familie zu klein, die Stadt, der ganze Planet ist am Ende zu klein. Zu kleinlich. Zu kleingeistquadratisch.

Du greifst zum Naheliegenden. Der Freund steht bereit und reicht Dir die Hand. Der Kumpel in der Not. Jemand, der Dich endlich versteht.

Und so ist es gekommen.

Mich hat es als Kind irritiert, einem Tätowierten und einem Trinker gegenüberzustehen. Mit ihm allein in die Stadt zu fahren, mit acht oder neun Jahren. Er hatte nicht viele Ideen, mich nicht groß beeindruckt mit nur irgendwas. Was mich dagegen grenzenlos beeindruckte war die Regellosigkeit und Zügellosigkeit seines Lebens. Er hatte keinerlei Halt, arbeitslos, keine Frau – nur Mutter und Tanten als Eckparameter. Er hat schlußendlich ein Leben geführt, war keines war – im eigentlichen, im bourgeoisen Sinne. Und eine nicht unwitzige Pointe ist, dass er, ohne Kinder zu haben, seinen Geist offenbar weitergetragen hat. Zumindest die Möglichkeit des Gedankens zur Unmöglichkeit. In mir.
Es war nichts an diesem Kontakt komisch oder im abschätzigen Sinne merkwürdig. Es war nachgerade naheliegend. Die ganze Scheiße. Er führt lediglich eine Reihe mir bekannter Menschen an, die in ihrem eigenen Leben keine andere Möglichkeit hatten als sie selbst zu sein und damit nicht groß Gelegenheit irgendwo stattzufinden. Je älter ich werde, desto größer wird die Liste der Übergangenen, der Verzweifelten, der Sprachlosen.

Er begegnete mir mit großer und großzügiger Freundlichkeit, mit Auskunftsbereitschaft, er hatte konspirative Gedanken für mich. Es war meine frühe Begegnung mit einer geradezu unverbogenen Persönlichkeit, aus einer Zeit, die keine Persönlichkeiten dultete oder hervorließ. Ohne selbst je an so etwas gedacht zu haben, ohne sich soetwas nur vorgestellt, gewollt, zugetraut oder ausgedacht zu haben wurde Bernhard zu einem Eckpfeiler meiner Wirklichkeit. Zu einer Person – womöglich zu einer Persönlichkeit in meinem frühen Kosmos. Ja, sogar zur ersten wichtigen Persönlichkeit meines ganzen Lebens. Sprengte, in Nebensätzen, mit einfachen Gesten, mein Kleingeistquadrat. Früh genug, damit wenigstens aus mir ein gedankenvoller und geistreicher Mensch werden konnte. Immerhin ein Mensch.

Allein durch die Begegnung, selbst diese kurzfristige – in nur ein bis zwei Lebensjahren -, haben sich Gedanken herausgebildet gegen die niemand sonst bestehen kann.
Weil unsere Wahrnehmung – das Gesehene und das Geschehene – größer ist als alles was wir sonst feststellen können, als alle Bedeutungen, die uns entgegengischen. Sie schäumen nur kurz und haben keinen Bestand. Wir und unsere Gedanken, immerhin, haben solange Bestand bis wir endlich verglühen. Das ist länger als alle Gischt. Das ist weit länger als so mancher da draußen sich konzentrieren kann.

Was nun den Schulterschluß ausmacht? Wir haben – obwohl wir 35 Jahre getrennt sind, denselben Freund gefunden. Aber ich bin nicht tätowiert. Das ist nicht mehr notwendig. Wir haben denselben Freund, der mich auch erlösen, auslöschen wird. Tätowiert sein ist dazu nicht mehr erforderlich.

Ich war bestimmt zwei Jahre nicht mehr an seinem abgeräumten Grab. Aber ich habe ihn nicht verloren. Dort steht ein Baum den ich gut kenne, den niemand sonst kennt. Bernhard schwingt noch immer mit meinem Herzschlag mit, und das andere Leben, vielmehr die Abstraktion vom Leben ist immer im Kopf. Wenn ich einmal sterbe ist der letzte Gedanke an ihn erloschen. Auch wenn es noch andere gibt, die ihn zwar gekannt, aber irgendwie nicht wahrgenommen haben.

Ich werde auch erlöschen, da es keine Wirklichkeit, keine Wahrhaftigkeit gibt. Nicht für uns. Für keinen, der an Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit glaubt. Nicht für Bernhard. Nicht für mich. Für niemanden. Für keinen da draußen, der nur irgendetwas fühlt. Für keinen, der nur irgendetwas will.
Nach uns folgt nur das Rauschen. Das Rauschen. Alle Liebe, alle Gedanken, alle Hoffnungen und Nöte werden erloschen sein. Verrauscht. In Wirklichkeit. In Wahrhaftigkeit.

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No Responses to “Schulterschluß mit Tätowierten.”

  1. antidot sagt:

    Bei einem so übermächtigen Freund ist mein Versuch, Freundin zu sein, zum Scheitern verurteilt.

    Dagegen kann ich nicht anstinken – das kann wohl keiner.

    Denn er bringt Wohligkeit und Trost mit der Aussicht auf Erlösung durch Auslöschung/Tod und damit die Endlösung.

    Ich kann nur Wohligkeit und Trost durch Verstehen, Liebe und lebendiger Veränderung bringen.
    Das ist keine Endlösung, vielleicht noch nichtmal eine Lösung überhaupt.

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