1k Scheinfreiheit.

Heute war ich bei zwei Banken zwecks Umtausch von Devisen für eine Reise, die sich vielleicht kurzfristig ergibt. Unabhängig voneinander dasselbe Gewäsch: „Kein Bargeldtausch über 1k ohne Reisepass, ohne Personalausweis. Wenn Sie ein Konto bei uns haben,” – haben wir eh Ihre Daten – „dann entfallen die Gebühren. Lt. EU-Verordnung: Geldwäschegesetz.”
Ich schau auf’s Handy und sehe den 22. Juli 2011 angezeigt. Schaue zurück in die Gesichter und sehe etwa keine Frühentwickler von 2027 und auch keine uniformierten Besatzer vom Winter 1946, sondern vorauseilenden Gehorsam von Bewegungsmeldern mit Allmachtsphantasien.

Ich frage: „Bei so kleinen Beträgen?” Ja, offenbar. Also keine Chance Geld von draußen nach drinnen zu bringen – vice versa –, ohne dass es vielleicht naß wird. Also gehe ich, zunächst unverrichteter Dinge, raus in meine Scheinfreiheit. Die Sonne scheint gegen mich an. Auch das ist gelogen. Und kommt mir auch gleich so vor.

Bei der zweiten Bank ist man konspirativer, angeblich ist das Limit bei 1k – also darunter kann es ohne Gummi gemacht werden – äh, Ausweis natürlich. Kann es zwar, aber man fragt trotzdem nach meinem Namen. Dazu werde ich gefilmt, wie alle gefilmt werden hier. Mir fällt die Gesichtserkennung von Facebook ein. Denn alle sind so wild sich im Internet zu sehen, sich ihren Freunden zu zeigen, durchaus auch allen Freunden, die sie bisher noch nicht kennen.

Ich sage einen Namen – Geldwäsche betrifft mich nicht, also bin ich clean. Dennoch wird in dem Moment der Name gedruckt und ist ins System eingespeist. Sollten die Nummern meiner Scheine in irgendwelchen zwielichtigen Zusammenhängen auftauchen bin ich gef*ckt. Das ist jetzt klar.

In ein paar Jahren fragen Sie nicht mehr nach Papieren, da wird gescannt wer durch die Tür kommt. Entweder sind die Karten die wir tragen gechippt – mit jeder Menge Einkaufsvorteile für Fans und Clubmitglieder und Bonus-Apps fürs neueste Idiotenhandy mit Gewinnspiel, und wenn das nicht läuft gibt es den Chip eben irgendwoandershin, dort wo er nicht juckt. Kostet sicher extra, weil dieser so viele Vorteile hat: Mit GPRS-Tracemöglichkeit wenn man mal verlorengeht. Und eben wegen der allgemeinen Sicherheit. Und so.

Ich trage meine Beute zur U-Bahn. Gehe dazu über den Marktplatz, der ist voll mit Leuten die glücklich und vollgefressen in allen Ecken in Cafés sitzen, dort wo die Ozonschicht für die Sonne ein Loch gelassen hat. Menschen, die hier stolz ihre Mitläuferschaft und Gedankenfäulnis zur Schau stellen, sich öffentlich abtöten mit überteuertem Milchkaffee und sonstigem Conveniencedreck, dazu Konsumtüten mit allerlei Zivilisationsüberfluß vollgemacht und unter ihrem Tisch als Lebens- und Erlebnisbeweis aufgetürmt haben. Denn all das braucht es wohl um nichts mehr zu merken, um nichts mehr zu sehen. Letztlich um aller Wirklichkeit zu entgehen und endlich eins zu sein – zwar nicht mit der Schöpfung – aber immerhin mit einem System, das sich schlechtgekleidete, überbezahlte Bürokraten für sie als Lebenswirklichkeit erdacht haben.

Mir gefällt das nicht, mir ist die Reise schon jetzt schal geworden. Kriege bestimmt noch ein Schreiben, warum ich so wenig kooperativ bin und meinen Paß nicht zeigen will und warum ich dann auch noch einen Blogbeitrag schreiben muß.

The brave new world is already there for you.

http://www.youtube.com/

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4 Responses to “1k Scheinfreiheit.”

  1. antidot sagt:

    Bon voyage!

    And don’t forget your passport…

  2. admin sagt:

    Ich brauche keinen Pass um irgendwohinzugehen. Ich glaube an ein freies Europa und erwarte sogar – sollte es anders sein -, dass sie mich nach Hause schicken.

  3. aussie chat sagt:

    Whats up, I found your blog once, then lost it. Took me forever to come back and find it. I wanted to see what comments you got. Great blog by the way.

  4. gg77 sagt:

    Enjoyed reading this, very good stuff, thankyou .

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