»… die Wahrheit.

Wir sollten immer daran denken, daß es auch noch etwas anderes auf der Welt gibt als die Gewöhnlichkeit. Aber wir sind umgeben von Gemeinheit und ersticken jeden Tag unweigerlich in der Dummheit. Was habe ich getan, um hier in diesem aller Beschreibung spottenden Drecksnest existieren zu müssen. Dabei habe ich ja noch Glück, sagte er, Ettendorf ist ja nicht Traunstein. Immerhin, ich lebe ja nicht in der Kleinstadt, ich lebe auf dem Land. Andererseits: Was habe er nicht alles getan, um aus dem Dorfdreck herauszukommen, schon mit sieben, acht Jahren habe er den Entschluß gefaßt, wegzugehen, man muß so bald als möglich aus dem Dreck heraus, man darf den richtigen Zeitpunkt nicht übersehen.«

[…]

»Etwas Großes im Auge haben war seine fortwährende Mahnung, das Höchste! Immer das Höchste im Auge haben! Aber was war das Höchste? Wenn wir uns nur umsehen, umgibt uns nur die Lächerlichkeit und die Erbärmlichkeit. Dieser Lächerlichkeit und dieser Erbärmlichkeit gilt es zu entkommen. Das Höchste im Auge haben! Ich hatte von da an immer das Höchste vor Augen. Aber ich wußte nicht, was das Höchste war. Wußte er es? Die Spaziergänge mit ihm waren fortwährend nichts anderes als Naturgeschichte, Philosophie, Mathematik, Geometrie, Belehrung, die glücklich machte. Ein Jammer, sagte er, daß wir mit allem, was wir wissen, nicht weiterkommen. Das Leben sei eine Tragödie, bestenfalls könnten wir sie zur Komödie machen.«

Thomas Bernhard »Ein Kind«

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No Responses to “»… die Wahrheit.”

  1. antidot sagt:

    Die Wahrheit – das höchste Gut.

    Sie ist das Höchste – aber sie ist nicht immer gut.
    Also folglich ist man, wenn man dem Höchsten folgt, dazu verdammt alle Facetten zu sehen – ob man will oder nicht.

    Eigentlich definiert jeder für sich, was für ihn das Höchste ist.
    Die meisten sind sehr schnell auf der Höhe angekommen und mit sich zufrieden – für andere ist das allenfalls ein Ausblick aus dem Kellerfenster…

    Weil die Zufriedenheit das Maß aller Dinge zu sein scheint, ist diese schnell erreicht – weil es sonst zu anstrengend wäre.

    Und darum umgibt uns Dummheit und Lächerlichkeit.

    Aber es wäre ein Fehler, nur weil man keine rechte Definition für das Höchste findet, nicht mehr danach zu streben.

    Auch zu denken, es je zu erreichen führt unweigerlich in die Irre und Sackgasse. Dann wäre man schnell auf der anderen Seite…

    Das Höchste ist eben immer das Höchste.

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