20 Jahre

Mauerfall

Vor 20 Jahren fiel die Mauer. Jene, die Deutschland für gut 28 Jahre teilte, wobei das Land seit Kriegsende eh geteilt war. Aber so eine Mauer machte es deutlicher, sichtbarer.

Was aber in diesen Jahren der Teilung mit den Menschen geschah ist nicht so deutlich. Immer noch nicht. Viele reden von der Mauer in unseren Köpfen, die immer noch da ist… auf beiden Seiten. Vielleicht ist sie jetzt mehr da, realer, als zur Zeit wo man sie sehen konnte…

An diesem Wochenende wird in Berlin ein Riesentamtam gemacht. Alles wird schön rausgeputzt am Brandenburger Tor, damit man würdig diesen hochdenkwürdigen Tag mit Prominenz aus aller Welt feiert. Die Stadt platzt wieder aus allen Nähten – kein Durchkommen auf den Straßen wegen Sperrungen und Staus. Die Hotels freuen sich ein Loch in den Bauch, ebenso die Gastronomie, wegen der vielen Touristen. Es wird wieder mal alles schön gefeiert, damit ja nicht einer auf den Gedanken kommt, dass irgendwas in diesem vereinten Land nicht so schön ist, womöglich keine blühende Landschaft geworden ist.

In sämtlichen Medien wird dieses Ereignis schon seit Wochen und Monaten groß aufgezogen. „Schicken Sie uns ihr ganz persönliches Erlebnis vom Mauerfall…“  „Wo waren Sie am 9. November 1989?“  Und so reiht sich eine Story an die andere, ein Filmbericht an den anderen.

Eigentlich geht mir das alles so am A… vorbei. Besonders die heraufbeschworenen Festivitäten der sich feiernden Politiker. Dass die Schicksale und Geschichten einzelner Menschen ergreifend sind liegt nahe. Aber daraus Showbiz zu machen ist schon absurd…

In meinem Leben pflege ich intensive und kostbare Momente in meinem Inneren zu bewahren – als Empfindung, immer wieder abrufbar als intensives, gefühlsmäßiges Erleben. Aber ich hasse jene Art, wo man versonnen die alten Zeiten heraufbeschwört. Praktisch dadrin badet und lebendig wird, weil eben die Gegenwart so tot ist. Das ist mir ein Greuel.

Wo war ich am 9. November 1989? Was habe ich gemacht, wie habe ich den Mauerfall erlebt?

Ich war in den USA, lebte dort bereits seit April 1988. Zu der Zeit wohnten mein Mann und ich schon einige Monate in Las Vegas. Dort war unser Sohn im Januar 1989 geboren. Mein Mann verdiente Geld als Tellerwäscher. Ich versorgte zwei Kinder – unseren Sohn und den einer jungen Frau, die ins Gefängnis musste. Ihr Sohn war etwa gleichaltrig mit unserem und ich nahm ihn in Pflege als er vier Wochen alt war. Mein Leben in Amerika war also geprägt von sehr persönlichen Erfahrungen, die nicht immer alle schön waren. Denn es ging seelisch und auch körperlich sehr an meine Grenzen, an meine eigenen Mauern. Dieser persönliche Einsatz nahm ein jähes Ende, als die junge Mutter, nachdem klar war dass sie nicht vorzeitig entlassen wird, sich kurzfristig entschloss ihr Kind bei uns von der Polizei und einem Bekannten abholen zu lassen, um es dann zu ihrer Mutter nach Illinois bringen zu lassen. Obwohl wir angeboten hatten, den Jungen dorthin zu bringen. Aber vielleicht hatte sie Angst, dass wir mit ihm abhauen…

Ich schweife ab…

An meinen persönlichen 9. November 1989 kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir kümmerten uns in der Zeit nicht viel um politisches Geschehen und bekamen erst ein oder zwei Tage später durch Zufall mit was passiert war, als sie Bilder vom Mauerfall im TV zeigten. Und ich muss sagen, dass mir eine Gänsehaut runterlief… Es war sehr bewegend. Denn ich hätte es nie für möglich gehalten. Ich erlebte als siebenjährige den Bau der Mauer am 13. August 1961 in Berlin-West. Lebte die meiste Zeit meines Lebens damit. Und eigentlich hat man sie kaum wahrgenommen, wenn man nicht unmittelbar dort war. Hautnah wurde sie für uns nur, wenn wir die Kontrollen und Allmachtsphantasien der Grenzpolizei zu spüren bekamen beim Transitverkehr. Wir waren in West-Berlin wie eingesperrt, mit einigen Privilegien – aber eben auch jeder Menge Freiheit. Und gerade als junger Mensch kostete man das aus. Hier schien alles möglich. Hier trafen sich die Intellektuellen, die Kreativen, die Sponties und Revoluzer und all jene, die dem Kleinstadtmief in Wessiland entgehen wollten. Hier spielte die Musik und die Nächte wurden zum Tag gemacht. So ist es ja nun auch wieder in dieser Stadt – alle schwärmen von Berlin, weil sich hier grenzüberschreitend alles trifft und austauscht.

Ich sah also im Fernsehen, weit weg von Berlin, überm großen Teich quasi, was geschehen war. Mir kamen die Tränen. Ich freute mich und heulte und bekam sogar ein bisschen Heimweh…

Im Mai 1990 kamen wir zurück nach Deutschland und landeten unbeabsichtigt wieder in Berlin. Weil mein Mann hier Arbeit bekam. Aber eine Wohnung bekamen wir erstmal nicht, das dauerte drei Monate. Denn die Stadt war überfüllt. Nicht nur auf den Straßen, sondern hier wollten sie nun auch alle wohnen. Und seitdem ist diese Stadt immer voll, nicht nur an besonderen Tagen, zu besonderen Anlässen und Feierlichkeiten. Und ich vermisse so manchesmal das alte Berlin, mein Berlin, das trotz der Größe mit Mauer mittendrin und drumherum so schön überschaubar war…

http://www.mauerfall09.de/

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,651765,00.html

http://www.berlinermaueronline.de/geschichte/index.htm

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