Tilt/Shift-Downcycling

Am 12.07.2009 wurde der neue Uniqlo-Calendar veröffentlicht, das neueste Widget des japanischen Modelabels Uniqlo, dessen Zeitanzeige wir auf subvers.de seit unserem Start nutzen.
Der neue Kalender besticht durch sein klares, Uniqlo-typisches Design, dazu quietschbunte Miniaturstadt-Zeitraffer-Bildwelten bei denen man sich unweigerlich fragt ob das alles „echt“ ist, weil es doch eigentlich zu märklinesk wirkt.
Abgerundet wird der Kalender durch eine optional zuschaltbare vollsynthetische Kaugummipausensassa, einer psychedelischen Variation von Franz Liszts „Liebesträume“ auf einer Überdosis Holunder-Bionade — für die Yasuaki Shimizu und Tomoyuki Tanaka a.k.a. Fantastic Plastic Machine verantwortlich zeichnen —, die die Unwirklichkeit der dargebotenen Eindrücke untermalt. Alles in allem sehr schön, sehr würdig und ein Statement für originelles Branding im angebrochenen Jahrtausend.

Links:
http://www.uniqlo.com/calendar
http://www.designjournal.org/uniqlo-calendar
http://www.yasuaki-shimizu.com/en/new/index.html

Dabei ist die Art der Darstellung, die Tilt/Shift-Photography — eben auch animiert per Zeitrafferaufnahme — keineswegs neu. Schon seit etwa 2002 gibt es einige Fotografen, die T/S-Photography perfektioniert haben, darunter etwa Miklos Gaál aus Helsinki/Amsterdam, Toni Hafkenscheid aus Toronto, Keith Loutit aus Sydney oder Ben Thomas aus Melbourne.

Links:
http://www.miklosgaal.com

http://thphotos.com

http://keithloutit.com/2008/10/13
http://vimeo.com/keithloutit

http://paintalicious.org/2007/06/07
http://www.cityshrinker.com (by Ben Thomas)

Was wir dagegen ungern anschauen ist beispielsweise der Fernsehspot der Deutschen Telekom AG (Agentur: Philipp und Keuntje, Hamburg), der uns im September 2009 im TV den vorgenannten sieben Jahre alten Kaffee lauwarm aufbrüht und sich damit ideen- und gedankenlos an einer Bildersprache vergreift, die offensichtlich noch nicht abgedroschen genug ist um als Fernsehspot mißbraucht zu werden.

„Opportunismus ist die Kunst, mit dem Winde zu segeln, den andere machen.“
Alessandro Manzoni

So wohl muß dann auch deutsche Werbung aussehen. Jedenfalls die Werbung von Agenturen, die von einem unheilbaren Zwangsopportunismus befallen sind, der ihnen selbst und ihren Kunden augenscheinlich alles durchgehen läßt.
Dazu reicht schonmal — mangels eigener Kreativität — ein paar hoffentlich unverbrauchte Ideen aufzukochen — leider nicht die eigenen,
dazu beliebige Marketingaussagen einzublenden — müssen nicht stimmen, aber gut klingen
und dann irgendein Logo darüberzuetikettieren und zwar von demjenigen, der die langweilige Party bezahlen soll — dabei völlig unerheblich ob es sich nun um einen Kommunikationsdiensteanbieter, einen Energiekonzern oder eine Partei handelt — alles gleichermaßen beliebig, gleichermaßen unpassend, aber egal: Es ist nur Werbung, das braucht nichts mit Kreativität zu tun haben — die meiste Kreatitivität wird ja ohnehin dafür beansprucht sich Honorarforderungen auszudenken.

Das wenige also reicht offensichtlich aus um erfolgreich zu sein, um für das gemeine, verblödete Fernsehglotzer-Publikum innovativ und sympathisch zu wirken. Und auch im vorliegenden Fall — so scheint es — hat es ja immerhin für den Marketingentscheider mangels Medienaffinität oder mangels einer ersatzweisen Bildung genauso innovativ und sympathisch gewirkt. Und unter anderem deshalb sieht deutsche Werbung dann so aus wie sie eben aussieht:
„Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sich auszudrücken.“
Karl Kraus

Links:
http://www.youtube.com/watch?v=c4513qGefPM
http://www.millionen-fangen-an.de

Wer sich jetzt noch am Ideendowncycling beteiligen will kann seine eigenen Bilder unter

http://tiltshiftmaker.com

hochladen und nach dem Tilt/Shift-Prinzip mit einigen wenigen Clicks bearbeiten. Ideal für Eure nächste völlig beliebige Anzeigenkampagne — oder jetzt schonmal vormerken für die nächste Bundestagswahl oder auch Kindergeburtstag.

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