Enfant terrible der Nation

Christoph Schlingensief

Am Donnerstag, den 9. Juli 2009, sah ich im Ersten innerhalb der Serie „Deutschland – Deine Künstler“ das Filmportrait von Sibylle Dahrendorf über Christoph Schlingensief.

Den Film nehme ich zum Anlass, diesem Mann zu huldigen – auf meine Art:  mit einer Zeichnung des 48jährigen, der von seiner Krankheit gezeichnet ist.

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Über seinen Lebensweg und sein Schaffen kann man sich im Netz zur Genüge informieren – hier zwei Links:

http://www.schlingensief.com/schlingensief.php

http://www.de.wikipedia.org/wiki/Christoph_Schlingensief

In dem Film erzählt Schlingensief, dem 2008 ein Lungenflügel wegen Lungenkrebs entfernt wurde, wie er sich mit der Krankheit auseinander setzt und was er für weitere Pläne in seinem Leben hat.

Für mich war sehr faszinierend mitzuerleben, wie analytisch Christoph Schlingensief vorgeht. Da zeichnet er auf einer riesigen Kopie seiner Lungenröntgenaufnahme seine Sicht des Krankheitsverlaufs und die Möglichkeiten, wie es dazu gekommen ist. Als gebürtiger Katholik setzt er sich natürlich eingehend mit der Schuldfrage auseinander. Aber nicht im Sinne von ER muss zwangsläufig der Schuldige sein, das arme Opfer – sondern er bezieht sich als Schuldigen mit ein, um zu hinterfragen und neu daraus zu lernen. Auch um zu sehen, wo er Fehler gemacht haben könnte. Diese Art der Betrachtungsweise lässt viel Raum, für ihn als Betrachter selbst aber auch für Beteiligte – er klagt nicht an oder vergibt wahllos die Schuld an andere. Selten sah ich einen Menschen so mit seinem Problem umgehen. Obwohl ich gebürtige Protestantin bin, kenne auch ich die ewig alte Frage nach der Schuld und erlebe oft genug, wie ich mich schön katholisch zerfleische, weil ich natürlich in mir die Schuldige für alles in meinem Leben sehe. Was, so betrachtet, aber leider nicht zur Erlösung führt sondern zu Pein und Schmerz und ein sich drehen im Endlosrad.

Mit der künstlerischen Arbeit von Schlingensief habe ich mich nie intensiv auseinander gesetzt. Es war mir wohl zu laut und schrill, obwohl ich es nicht ablehnte oder verurteilte. Im Gegenteil hatte ich schon Anfang der Achtziger eine große Sympathie für ihn, mochte ihn als Mensch. Und je öfter ich ihn in Filmportraits oder Interviews erlebe, um so mehr bestätigt sich für mich das Bild von einem großartigen Menschen. Interessant ist, dass er als enfant terrible regelrecht verschrien war in dieser Nation. Doch seit seinem Erfolg der Parsifal-Inszenierung bei den Wagnerfestspielen in Bayreuth 2007 wird er offensichtlich auch von der holden öffentlichen Meinung in Deutschland akzeptiert. Interessanterweise sieht Schlingensief aber gerade in dieser Arbeit den Beginn seiner Krankheit – weil er sich zu sehr den Auflagen des Wagnerclans beugen musste und für ihn diese Arbeit am wenigsten er selbst war. Er sieht darin die Ursache, dass sich die Krankheit Bahn brechen konnte. Für mich eine wunderbare Sicht, denn wenn wir – besonders als Künstler – nicht so leben und arbeiten wie es aus uns heraus will, dann macht es krank auf die eine oder andere Weise.

Darum danke ich Herrn Schlingensief für seine Aussagen, Frau Dahrendorf für diesen Film und gebe meine Erkenntnisse gerne an andere weiter, damit jeder für sich sein Leben und Wirken hinterfragen kann.

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One Response to “Enfant terrible der Nation”

  1. Theodore sagt:

    Simple but very precise info… Many thanks for sharing this one.
    A must read article!

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