Quote of the day

»Wollen wir das Ziel erreichen, das uns die Bestimmung des Weibes für unser persönliches, kulturelles und nationales Leben vor Augen stellt, so brauchen wir Menschen dazu, die auf der Höhe ihrer Aufgaben stehn und fähig und gewillt sind zu werden, was sie sei(e)n, und zu thun, für was sie leben sollen. Die Frauenfrage ist nur daher gekommen, daß die Frauen der schwierigen Lage unsrer Zeit nicht gewachsen waren. Wären sie imstande gewesen ihr gerecht zu werden, so hätten sich ganz von selbst die Verhältnisse gewandelt, und alle Schwierigkeiten hätten nur dazu gedient, sie der Höhe ihrer Bestimmung zuzuführen.

Aber die Kraft und Leistungsfähigkeit der Frau ist mit den zunehmenden Schwierigkeiten und den höheren Anforderungen, die die kulturelle Entwicklung mit sich brachte, nicht gewachsen, sondern sie blieben, wie sie waren. Den Beruf und der Stellung der Frau können aber heutzutage nur durchaus reife und selbständige Frauen gerecht werden. Da wir gegenwärtig überhaupt in das Zeichen bewußter und absichtlicher Kultur treten, so können auch die Frauen nicht mehr in der alten naiven und instinktiven Weise sich vom Leben treiben lassen, sondern müssen sich mit klarem Blick und festem Willen ihr Leben schaffen, ob sie nun verheiratet sind oder nicht.
Das ist ein Wahrheitsmoment der Emanzipationsforderung, die die Frauenbewegung entrollte. Nur ist es hier oft in einer Weise veräußerlicht, widernatürlich gewandt und ins Falsche verkehrt worden, daß ungefähr das Gegenteil von dem erreicht wird, worauf es ankommt. Innere Freiheit und Mündigkeit, Reife und Selbständigkeit persönlichen Lebens, Selbstgewißheit in Gesinnung und Haltung, Selbstmächtigkeit in allen Äußerungen ihres Wesens und in der Führung des Lebens: das ist es, was die Frauen brauchen, aber nicht eine äußere Unabhängigkeit des Rechts und eine Entschränkung im öffentlichen Leben. Sie sollen sich nicht vom Manne emanzipieren und von ihrer organischen Stellung in der menschlichen Gemeinschaft, sondern von ihrer menschenunwürdigen Lebensweise, die sie zu einem Spielzeug und Parasiten des Mannes oder zu einem bloßen Lasttiere des Hauses erniedrigt, und sollen zu ihrer hohen Menschenbestimmung emporwachsen, die sie allen Männern gleich hohen persönlichen Lebens ebenbürtig macht. Nicht eine Emanzipation von der guten und feinen Sitte und der weiblichen Art bedarf es, sondern von der Eitelkeit, Oberflächlichkeit, Äußerlichkeit, Beschränktheit und Genußsucht. Wenn das weibliche Wesen uns verekelt und zum Spott geworden ist, so soll es um alles doch nicht männlich durchsetzt werden, sondern was verflachte und kindisch wurde, ist von seiner Wahrheit aus zu regenerieren, zu ernster Vertiefung und zu voller Reife zu führen. Es soll nicht verändert, sondern gebildet und erzogen werden, es soll gefunden und sich kräftigen, alle Anlagen zur Blüte und Frucht bringen und sich in seinen ganzen Reichtum entfalten.
Davon sind wir heutzutage weit entfernt.«
 

aus »Der Beruf und die Stellung der Frau«
Johannes Müller
© 1902 Verlag der Grünen Blätter, Leipzig

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