Sozialkontakt

Es wurde von einer Bekannten zu einem Treffen, einem Kaffeeklatsch mit anderen Damen, geladen. Die anderen eingeladenen Frauen kannte ich nicht. Und da ich mir nicht immer nachsagen lassen will, ich würde nur in meinem Elfenbeinturm verharren, müsse auch vor die Tür gehen um das Leben zu erleben und derlei Ratschläge, nahm ich die Einladung an.

Ich war als Erste da und die Dame des Hauses war noch beschäftigt, an sich selbst und der Wohnung. Mir fiel sofort auf, daß im Hintergrund das Radio dudelte, aber nicht etwa leise. Es wurde auch nicht ausgemacht. Auch nicht, als dann innerhalb der nächsten halben Stunde die anderen eintrafen.

Demzufolge war meine Wahrnehmung die eines Hühnerstalles ähnlich: es wurde wild durcheinander gequatscht und gegaggert und im Hintergrund gab es obendrein Beschallung. Das war ja genau das Richtige für mich! Auf meine Bitte, das Radio aus oder zumindest leise zu drehen, wurde gefühlt erst eine Stunde später reagiert. Alles andere war wichtiger – wobei auffällig war, daß innerhalb von Sekunden schon wieder vergessen wurde was man eigentlich machen wollte, sagen wollte oder wo man was hingelegt hatte. Und zwar unisono bei allen. Glücklicherweise sah ich mich als Ausnahme.

Doch im Laufe des Nachmittags eröffneten sich mir noch ganz andere Szenarien, in denen ich mich als Ausnahme wahrnehmen konnte. Bemerkte aber, daß mich das nicht überschnappen ließ, sondern es mich eher unangenehm berührte. Mitzubekommen wie schusselig, debil, renitent und starr so manche andere Menschen, in dem Fall weiblichen Geschlechts, sein können, die so in etwa mein Alter haben, also nicht mehr jung sind, ist nicht gerade erhebend. Das brachte in mir eine Mischung aus Traurigkeit und Wut hervor. Traurig, weil sie sind wie sie sind. Wut, weil sie sich auch nicht anstrengen anders zu sein.

Bei den Gesprächen dann meinte jede wunder was sie wichtiges beizutragen habe oder alles in Frage stellen zu müssen, einfach so, weil das wohl den Eindruck macht: man stellt sich Fragen im Leben. Auffällig war nur, daß diese Fragen sehr bockig gestellt wurden. Anders kann ich es nicht nennen. Und die Antworten willkürlich, fahrig, unkonzentriert waren und genauso hörten sich die Sätze an, die den Mündern entströmten – zumeist nur halbgedachte Sätze angefüllt mit Allgemeinplätzen. Ebenso war interessant für mich, daß ohne Zusammenhang auf einmal Sexthemen auf den Tisch kamen. Aber es war eben nur interessant, wie und daß es geschah, aber nicht was dabei herauskam. Dies nur am Rande, weil ein Freund von mir immer behauptet, Frauen hätten mit Sex nichts am Hut. Machte gestern auf mich einen anderen Eindruck, wenngleich der nicht erbauend oder schön war.

Wie das so meine Art oftmals ist, hielt ich mich im Hintergrund und sagte äußerst wenig. Das fiel dann der einen Frau angenehm auf sozusagen und sie fragte mich, wie ich das mache, ob ich mich darin geübt hätte, denn sie könne sich nicht zurückhalten, müsse immer ihren Senf dazugeben. Ich ‚tröstete‘ sie und sagte, es sei mir in die Wiege gelegt worden, da muß ich nichts besonderes tun. Habe aber verschwiegen, daß ich mir sehr wohl oft genug auf die Zunge beiße bei derlei Gesellschaften, denn würde ich das nicht tun, würde sich mein Zorn über bestimmtes Verhalten und Reden Bahn brechen und womöglich Mord und Totschlag auslösen.

Ich war erleichtert als ich wieder zu Hause war und stellte für mich fest, daß es mir an nichts fehlt wenn ich keine sozialen Kontakte habe. Klar ist es mal ganz nett die menschliche Vielfalt zu erleben, kann hier und da interessantes zu Tage fördern. Dennoch merke ich, daß wie im gestrigen Fall, die Grenzen meiner Fähigkeit derlei auszuhalten, doch sehr empfindsam sind und es mir dann eher wie vertane Zeit vorkommt.

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