Lärm mordet Gedanken I.

Ich war heute wild entschlossen einen Brief zu verfassen und merkte aber sofort, daß diese Sache, und zwar so, wie ich es angelegt hatte, so, wie es mir vorschwebte, eigentlich nicht geeignet wäre, davon irgendetwas schriftlich aus der Hand zu geben. Und somit habe ich das zunächst einmal zurückgestellt und will das Ganze möglichst leidenschaftslos und irgendwie unbeteiligt, jedenfalls nicht unter diesem Leidensdruck, auch nicht unter diesem Eindruck der vorherrschenden, schicksalhaft-traumatischen Erlebnisse verfassen.

Als die Tragödie von nebenan verstummte, brach eine andere Geschichte in den stillen Raum hinein, nämlich dieses Getöse im Hausflur, da diese Herrschaften mit großer Regelmäßigkeit einen unglaublichen Affenzirkus im Hausflur veranstalten und demzufolge, also mehrfach am Tag damit auffallen, sich unerwünscht und unaufgefordert in den Vordergrund zu spielen. Diese Dinge sind fürchterlich, doch offensichtlich ist es ihnen kaum anders möglich.

Das Szenario verläuft wie folgt: die akustischen Verhältnisse des Hausflurs müssen bei jeder sich bietenden Gelegenheit erprobt werden, d.h. sie kommen in den Flur und es muß unmittelbar gebrüllt werden, es müssen irgendwelche Urwald-, Vogel- oder Brunftgeräusche imitiert/emittiert werden und es hallt entsprechend. Durch die besondere Raumakustik kommen diese Laute – für sie selbst überraschend, unvorhersehbar – auffallend gut zur Geltung und ihre Rufe dringen überall hin. Das Ganze ist diesen unverstellt-lebensfrohen Gestalten offensichtlich ein inneres Bedürfnis, ein Urtrieb, der zusätzlich noch auf mich wirkt, auf mir drückt, zusätzlich zur sonst vorherrschenden Geräuschkulisse.

Dann und wann driftet das Geheul in Bereiche ab, das an Hooligans erinnert, die skandierend, zeternd und johlend durch den Hausflur sich schieben, als imaginären Höhepunkt ihrer alkoholdurchtränkten Lebenssimulation feiern, den man sich kaum erklären kann, den man, wenn man denn Anlaß dieser spontanen Ausgelassenheiten nicht kennt, selbstverständlich nicht im mindesten nachvollziehen kann. Das alles trifft mich jedesmal unvorbereitet. Meine Ausgelassenheiten dagegen kann man p.a. an einem Finger abzählen, Un- und Wutanfälle, Polizeieinsätze im Treppenhaus inbegriffen.

Das ist also mein akustisches Joch: entweder Urwaldgeräusche oder skandierende Hooligans als Untermalung meiner ehemals gedankenvollen, ehemals friedlichen, niemals jedoch in diesem menschenverachtenden Ausmaß lebensbejahenden Existenz.

 

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – „Das andere Tanzlied“ 2.:

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:
»Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, – und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.«

»Das Bergland-Buch«, Salzburg, Nietzsches Werke, BAND I, S. 498

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