Lärm mordet Gedanken II.

Ich bin gerade in der Badewanne und genieße die Wärme. Ruhe ist mir hingegen nicht gegönnt, denn es ist irgendein beliebiger Samstagabend, den die Leute natürlich zu Geselligkeit, Affenzirkus und was immer ihnen sonst in ihrer schamlosen Selbstvergessenheit einfällt, nutzen müssen.

Und wie ich hier so liege und zu lesen versuche, kam ich schon auf den Gedanken, vielleicht demnächst mit Ohropax in die Badewanne zu gehen, um überhaupt einmal in Gottes Namen Ruhe zu haben. Oder beim nächsten Mal nicht einfach meinen eigenen Vorstellungen zu folgen, etwa in die Badewanne zu gehen, wann ich es möchte, sondern dies nach Möglichkeit abzupassen, einen geeigneten Zeitpunkt zu suchen, wo alle anderen ohnmächtig sind oder tot – oder beides. Wo ich dann wirklich mal meine Ruhe habe.

Aus der einen Wohnung schallt es zum Frühstück und zum Mittagessen, und aus den anderen Wohnungen schallt es alle übrigen Zeiten, daß somit nie ein geeigneter Zeitpunkt zum Baden gegeben ist.
Wie ich grade hier lag und viel näher bei diesem lärmenden Irrsinn war, als daß ich mich auf das konzentrieren konnte, was ich da las, da dachte ich, daß es wirklich den Eindruck macht, sie hätten sich alle in ihren Wohnungen verabredet, um Tiergeräusche nachzuahmen. Es ist unvorstellbar. Es ist bizarr.

Ich dachte zwar auch, daß eventuell, wenn ich zu seltenen Zeiten mal Besuch habe, daß natürlich die akustischen Verhältnisse kaum anders sind, die von mir und meinem Besuch ausgehen, sich wahrscheinlich ebenso andere Leute davon beeinträchtigt fühlen, aber es ist wenigstens nicht ununterbrochen. Und trotzdem: in meiner Vorstellung ist es ganz sicher anders. Vor allen Dingen ist es nicht oft. Eigentlich kann man sagen: Jedes Mal wenn die Nachbarn überhaupt von mir Notiz nehmen, schicken sie mir die GSG9 aufs Haus. Und dann ist ja wieder jahrelang Ruhe.

Ich verstehe das alles nicht: Ich verstehe nicht, wie man so einen Terror als Lebenswirklichkeit überhaupt aushalten kann. Ich verstehe noch weniger, wie man sich an Gezeter, Getöse und Hirnriß womöglich beteiligen kann, wie man die Gesellschaft solcher Idioten mögen oder nur hinnehmen kann und wie einem dieser Affentanz nichtmal auffällt.

All dazu reicht meine Phantasie nicht.
 

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – „Das andere Tanzlied“ 2.:

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:
»Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, – und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.«

»Das Bergland-Buch«, Salzburg, Nietzsches Werke, BAND I, S. 498

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