Lärm mordet Gedanken III.

Ich habe es hier und heute mit einem Novum zu tun, daß ich erstmalig mit Ohropax in die Badewanne gehe, um ein möglichst ruhiges Bad genießen zu können. Es ist natürlich nicht optimal: man hört das Hintergrundgeplärr trotzdem.

Es hängt natürlich auch damit zusammen, daß ich jetzt gerade um die Mittagszeit in die Badewanne gehe, wo die Idioten natürlich Mittagessen, weil sie Angst haben ohne dasselbe zu verhungern.
Das läuft dummerweise zusammen und somit trifft es sich einfach. Ich hatte dennoch keine Lust, mein Leben nach deren Zeitplan auszurichten und so finde ich mich hier und heute das erste Mal mit Ohropax in der Badewanne, wo ich trotz geschlossener Fenster und trotz Verstöpselung der wichtigsten Körperöffnungen, dennoch ein dumpfes Dröhnen mitbekomme, wie sich der dynamische, willkürliche Lärmpegel dieser unseligen Zeitgenossen unvorhersehbar steigert. Wie Schall-, Druckwellen und Geistlosigkeiten durch meterdicke Mauern und Ohropax einfach und mühelos zu mir durchdringen, mich erschüttern, meine Nerven und meinen Lebenswillen geißeln.

Ich weiß nicht, es ist durch mein Ohropax hindurch nicht festzustellen, ob sie sich gerade den Schädel einschlagen oder ob sie vor Ausgelassenheit und aus Fröhlichkeit gröhlen und toben. Das alles ist kaum zu ergründen und – wie gesagt – ich will das auch alles gar nicht wissen. Wenn ich das wissen wollte, würde ich bei ihnen anklingeln und darum ersuchen, vielleicht bei ihnen einzuziehen, damit ich möglichst einbezogen, möglichst nah am Geschehen bin, am Nabel des Irrsinns – obschon ich das meiste ohnehin mitkriege, zwar nicht deren Themen, um die es im einzelnen geht, aber leider Gottes ja das rücksichtslose Geplärr, die quecksilbrigen Aggregatzustände und die unerbittliche Eindringlichkeit, wie der ganze Familienzirkus vonstattengeht.

Aber darum will ich mich auch gar nicht weiter kümmern, ich hatte nämlich – wie man sich denken kann – ein eigenes Anliegen und eigene Vorstellungen, wie dieser Sonntag vollzogen wird, worum ich mich kümmern wollte und was mir für heute vorschwebte. Da hatten meine Nachbarn eigentlich kein Mitspracherecht. Was sie jedoch durch ihre bloße Anwesenheit alle Augenblicke lautstark erpressen, schließlich erzwingen. Und darum noch jeden günstigen Moment, wenn es versehentlich kurz still ist, nutzen um sich nach Leibeskräften in mein Leben einzubringen, zu plärren und sich anzubrüllen, ihren Stumpfsinn auszuleben.

Was immer ihnen halt vorschwebt, um sich irgendwie lebendig zu fühlen, um mir und allen in Reichweite ihres Sendegebiets mitzuteilen, daß sie unerfreulicher- und unnötigerweise da sind.
 

Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra – „Das andere Tanzlied“ 2.:

Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:
»Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so fürchterlich mit deiner Peitsche! Du weisst es ja: Lärm mordet Gedanken, – und eben kommen mir so zärtliche Gedanken.«

»Das Bergland-Buch«, Salzburg, Nietzsches Werke, BAND I, S. 498

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