Lärm mordet Gedanken IV.

Arthur_by_subvers_de

 
Kant hat eine Abhandlung »Über die lebendigen Kräfte« geschrieben: ich aber möchte eine Nänie und Threnodie über dieselben schreiben; weil ihr so überaus häufiger Gebrauch im Klopfen, Hämmern und Rammeln mir mein Leben hindurch zur täglichen Pein gereicht hat. Allerdings gibt es Leute, ja recht viele, die hierüber lächeln, weil sie unempfindlich gegen Geräusch sind: es sind jedoch eben die, welche auch unempfindlich gegen Gründe, gegen Gedanken, gegen Dichtungen und Kunstwerke, kurz: gegen geistige Eindrücke aller Art sind; denn es liegt an der zähen Beschaffenheit und handfesten Textur ihrer Gehirnmasse.

[…]

Nichts gibt mir vom Stumpfsinn und der Gedankenlosigkeit der Menschen einen so deutlichen Begriff wie das Erlaubtsein des Peitschenklatschens. Dieser plötzliche, scharfe, hirnlähmende, alle Besinnung zerschneidende, gedankenmörderische Knall muß von jedem, der nur irgend etwas einem Gedanken Ähnliches im Kopfe herumträgt, schmerzlich empfunden werden; jeder solcher Knall muß daher Hunderte in ihrer geistigen Tätigkeit, so niedriger Gattung sie auch immer sein mag, stören: dem Denker aber fährt er durch seine Meditationen so schmerzlich und verderblich wie das Richtschwert zwischen Kopf und Rumpf. Kein Ton durchschneidet so scharf das Gehirn wie dieses vermaledeite Peitschenklatschen.: man fühlt geradezu die Spitze der Peitschenschnur im Gehirn und es wirkt auf dieses wie die Berührung auf die Mimosa pudica, auch ebenso nachhaltig. Bei allem Respekt vor der hochheiligen Nützlichkeit sehe ich doch nicht ein, daß ein Kerl, der eine Fuhr Sand oder Mist von der Stelle schafft, dadurch das Privilegium erlangen soll, jeden etwan aufsteigenden Gedanken in sukzessive zehntausend Köpfen (eine halbe Stunde Stadtweg) im Keime zu ersticken. Hammerschläge, Hundegebell und Kindergeschrei sind entsetzlich; aber der rechte Gedankenmörder ist allein der Peitschenknall … dieses vermaledeite Peitschenklatschen ist nicht nur unnötig, sondern sogar unnütz.

[…]

Die allgemeine Toleranz gegen unnötigen Lärm, z.B. gegen das höchst ungezogene und gemeine Türenwerfen, ist geradezu ein Zeichen der allgemeinen Stumpfheit und Gedankenleere der Köpfe.

 

Parerga und Paralipomena. „Über Lärm und Geräusch“
© 1913, A. Weichert Verlagsbuchhandlung, Berlin. Bd. I, S. 587 ff.
Dr. Arthur Schopenhauer (1788–1860)

 

Nänie = Trauergesang

Threnodie = Totenklage

Mimosa pudica = die Mimose (bot.)

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