Heute ist Müllabfuhr-Tag.

Ich war eben erst darauf aufmerksam geworden, weil es gerade geschellt hat. Die Müllmänner haben sich aber nicht gemeldet, sondern sie erwarten selbstverständlich, daß man weiß daß sie es sind, daß die Türe aufgetan wird und sie nichts weiter sagen müssen. Man erwartet also, daß die Leute offensichtlich Gedankenlesen können. Normalerweise brüllt der Müllaffe ja – heute jedoch nicht.

Und jetzt gerade, nachdem die Mülltonnen vor einer Stunde rausgestellt worden waren, geht es mit diesem Ramentern weiter. Es ist immer eine sehr laute Angelegenheit: klappernde Tonnen, dieses scheppernde Dröhnen, wenn volle Tonnen über Bordsteinkanten gezogen werden, donnernd aufs Pflaster schlagen. Ich habe mich kurz versichert, was dort wütet und sah dabei, daß sich hinter diesem Müllwagen, der sich unmittelbar unter meinem Fenster befand – daher auch die Lautstärke – schon eine Autoschlange gebildet hatte.

Zu dieser Autoschlange hatte ich letztens einen Gedanken, wie diese Dinge überhaupt immer zustandekommen, daß nämlich die Leute in ihrem Eingefahrensein, immer auf denselben Wegen fahren müssen und auch nur fahren können, weil sich die Dinge immer wieder auf ein und dieselbe Art, eben in Missionarstellung vollziehen müssen und auf keine Art sonst. Und sie dies nicht nur erwarten, sondern regelrecht beanspruchen. Um sich dann aufregen zu können – wenn sie in dieser Schlange stehen, die sich hinter diesem Müllwagen bildet, wenn sie dann die nächste Stunde ihres Lebens vertrödeln.

Der Wagen ist hier auf halber Strecke und wird jetzt noch etwa 20- bis 30mal anhalten und die weiteren Mülltonnen der Straße leeren. Die Leute verlangen regelrecht danach sich aufzuregen, wahrscheinlich über ihre eigene Dummheit, über ihre mangelnde Flexibilität, über ihre gar nicht vorhandene Flexibilität, über ihre Geistlosigkeit, über ihren Mangel überhaupt nachdenken zu können, über ihren Mangel nach Alternativen, Auswegen suchen zu können, überhaupt in angemessener Zeit reagieren zu können auf berechenbarste Vorkommnisse – das können sie sämtlich nicht und deshalb stehen sie jetzt die nächste Stunde hinterm Müllwagen in der Schlange, im Stau. Und stellen sich keine einzige Frage.

Und morgen fahren sie selbstverständlich genau wieder dieselbe Strecke, denselben Weg. Und wenn morgen oder nächste Woche ein anderer Müllwagen daherfährt, dann wird sich auch morgen oder nächste Woche darüber wieder aufgeregt. Sie kommen nicht auf die Idee, irgendetwas zu verändern. Man ist offensichtlich gar nicht in der Lage irgendetwas zu verändern und will das auch gar nicht. Sie wollen viel eher, daß die Welt sich unterwirft. Daß der Müllwagen bei nächstbester Gelegenheit Platz macht – jedoch gibt es in dieser Straße keinen einzigen Platz: unmöglich, daß also der Müllwagen hier irgendwo rechts heranfahren könnte.

Sie wollen die Unterwerfung der Welt vor ihrer eigenen Stumpfsinnigkeit. Und das ist ihr Einziges.

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