Grenzerfahrung.

Es war durchaus eine Grenzerfahrung. Je mehr man von ihm mitbekam und was man von ihm gewahr wurde, desto absurder wurde es eigentlich. Er ließ kein Klischee aus und auch solche, die nicht aktiv von ihm ausgingen, trafen dennoch auf ihn zu.

Ich will davon nur einige wenige mal anführen, aber vielleicht erst grundsätzlich meine Eindrücke zu diesem Menschen schildern: Er machte wirklich einen gutmütigen Eindruck, sehr rundes Gesicht, 33 Jahre alt, Glatze bzw. Tonsur, deutlich übergewichtig. Nach eigenen Schilderungen hat er mal mehr als 150 Kilo gewogen und wog aber jetzt nur noch 120. Machte einen fröhlich, infantilen Eindruck, saß immer so halb auf seinem Bett, wie ein Buddha, immer mild grinsend, allerdings nicht von soviel Tiefe durchdrungen wie ein Buddha, sondern stattdessen in sein Handy versunken. Irgendein iPhone wahrscheinlich – ich kenne mich damit nicht aus –, das aber so aussah, als hätte man damit schon mehrfach Fußball gespielt – es waren alle Ecken angebrochen, abgeplatzt und gesplittert, auch das Display war aufs deutlichste beansprucht, so daß man sagen konnte, das Teil ist komplett für die Tonne, aber ihm genügte es noch, um sich in seinen sozialen Kosmos abzuseilen, dort irgendwelche SMSse zu schreiben und mit drei Kindern, von denen er erzählte, und irgendwelchen Frauenbekanntschaften, die er aus dem Internet hatte, Kontakt zu halten.
Auch die folgenden Details, die er davon preisgab, bestätigten eigentlich mehr und mehr diesem ganzen Irrsinn, der sein Leben sein soll und machte mir vom Zuhören schon Kopfschmerzen. Es ging dann aber weiter über irgendwelche Marotten, die er leider pflegte, aufgrund seiner Einschränkungen, also seiner Nasenscheidewand und seines Übergewichts, gab er jederzeit und ununterbrochen irgendwelche Atem- und Schnauflaute von sich, irgendwelche Grunzgeräusche. So sehr man das am Tag noch einigermaßen tolerieren konnte, so schwierig wurde es dann in der Nacht, das Höllenkonzert, was er da entfachte, überhaupt auszuhalten. Die erste Nacht war so drastisch – da war allerdings seine Nase noch zugeklebt –, daß ich dachte, ein Dämon oder ein junger Drache würde neben mir im Nachbarbett liegen und fauchen und keifen und schnauben. Es war unbeschreiblich – ein infernalisches Höllentheater. So daß meine Ohropax, also die Abdichtung der Ohren keineswegs mehr funktionierte, sondern eben durch diese besonders lautstarke und sehr variable und nahezu durchgängige Schnarchorgie alles durch diese Ohrabdichtung, durch diesen Schallschutz hindurchdrang – die absolute Katastrophe. Ich dachte mir, nachdem ich die erste Nacht überstanden hatte, daß dieser Mensch es nicht zu Wege bringen könnte, überhaupt irgendeine Partnerschaft aufrechtzuerhalten, weil er ja durch seine ganze Art und Weise, allein schon durch seine Darreichungsform ganz und gar nicht dazu in der Lage wäre. Mir reichte die Phantasie nicht, um mir vorzustellen, daß er tatsächlich jemanden finden könnte, der das an ihm tolerieren könnte, der das überhaupt aushalten könnte. Es ist höchstwahrscheinlich die Stufe vor der Toleranz, bevor man sich überlegen kann, ob man das aushalten kann, weil man es einfach vorher schon nicht aushält, weil es nicht auszuhalten ist.
Man war ihm aber deshalb nicht böse, man hatte die Nacht ja irgendwie überstanden, man war schon genug zerschossen von der Narkose, der Operation und den folgenden Prozeduren. Doch dann ging sein übriges Programm los, als er nämlich schilderte, was er den lieben langen Tag lang so macht, was er so denkt und was ihm wichtig ist. Er war der einfache, gesellige Typ, dem es gelang, mit ein paar hundert Vokabeln durchs Leben zu kommen, weil er auch nichts sonst beanspruchte und auch nirgendwoanders hinwollte. So lief es dann, wie sowas üblicherweise läuft, daß man sich zurücknimmt und nicht mal versuchsweise auf ihn einwirkt, ihn irgendwie zu belehren oder zu korrigieren. Man hat ihn einfach sich selbst überlassen und keineswegs korrektiv eingegriffen. Und so mußte man eben dreitausendmal dieselbe, falsche Aussprache über sich ergehen lassen, aber es war vollkommen aussichtslos: Er hätte die richtige Aussprache in der flüchtigen Etappe unserer Begegnung ohnehin niemals begreifen können.
Grundsätzlich war I. aber gar nicht unnett und das ist natürlich die Art und Weise, wie der liebe Gott wirklich sein großes Herz zeigt, daß er nämlich den Leuten nicht nur katastrophale Eigenschaften gibt, sondern daß er durchaus auch bereit ist, auch nette Seiten den Leuten zuzugestehen oder an diese zu verteilen. Und so war I. eben sehr freundlich, unaufgeregt, gut gelaunt, scheinbar auch mit sich im Reinen.
Da war noch eine Geschichte, die deutlich sich einprägte, daß er’s nämlich mit der Hygiene nicht so hatte und was man ihm auch sonst an seinem Körper ansah, daß er mit einigen Disziplinlosigkeiten zu schaffen hatte, die eben dazu führten, daß er latent verwahrlost aussah – also sich eigentlich in so einem schlechten Allgemeinzustand befand wie sein Handy.
Eine andere Nettigkeit von ihm war dann noch, daß er wirklich ausgesprochen großzügig war und die mitgebrachten Dinge, die er organisiert hatte, großzügig unter den anderen Zimmerinsassen aufzuteilen gedachte, doch allerdings mit Kinder-Schokolade und Kartoffelchips nicht auf besonders viel Gegenliebe stieß. Man hätte sich durchaus am Verzehr beteiligen können, also, es war nicht so, daß man dies grundsätzlich ablehnte – jedoch, das ganze Programm, was dort ablief, war ungeeignet, sich einen Extra-Süßigkeitentag im Krankenhaus zu gönnen, um sich über die schlimmen Strapazen hinwegzutrösten. Es ging ja eigentlich darum, den Körper wiederherzustellen, vernünftig aufzubauen und da war das, was er sich da zuführte, durchaus kontraproduktiv. Er erzählte beim Genuß der Süßigkeiten, ihn würde Obst nicht so sehr interessieren und überhaupt, er hätte schon immer gern Süßigkeiten gegessen, weshalb dann ja auch die meisten seiner Zähne morsch wären und ihm mit Anfang 30 auch schon einige fehlten. Was wiederum das Bild abrundete, daß er wirklich vor keiner Idiotie haltmacht, daß er getrieben ist von den Dingen, die in ihm wirken und er diesen nicht das Geringste nur entgegenzusetzen hat. Und so liefen auch die übrigen Dinge aus dem Ruder, genauso seine gesellschaftliche Stellung als irgendwas und auch sein partnerschaftlicher Status als irgendwas. Er brachte dort den Begriff ‚Freundschaft plus‘ ins Gespräch und wir anderen wußten überhaupt nicht, was davon zu halten sei, denn das sei ja ursprünglich mal als Beziehung gedacht gewesen. Nein, es wäre etwas geringwertiger, es wäre eine Abstufung und nicht ganz so dramatisch wie eine ‚echte‘ Beziehung, sondern immer so ein Hin-und-her und nicht wissen, ob es noch aktuell, oder ob es jetzt schon vorbei ist. Und eben auch diese Situation war komplett ungeeignet, dort irgendeine Struktur in seinem Leben anzulegen, sondern man sah wirklich, daß sich hier völlig stringent und passend zu dem übrigen Irrsinn eben auch hier irgendein bizarrer Irrsinn an den nächsten reihte.
Als dann zunächst die sozialen Themen erschöpft waren, ging I. dazu über, von seinen sonstigen Vorlieben und von irgendwelchen, bereits verplanten Lottogewinnen zu sprechen und er ließ natürlich in seinen Planungen, die er dann wortreich schilderte – ‚wortreich‘ ist an dieser Stelle falsch bzw. trifft doch zu, weil er erstmalig andere Worte gebrauchte –, indem er von allen möglichen Klischees und Mustern berichtete, vom Autotunen, vom Jackpotgewinnen und sich für jeden Tag der Woche ein separates Auto anzuschaffen, in Südfrankreich zu leben, irgendein Restaurant aufzumachen – aber eigentlich nur in Monaco spazierenzufahren und die vom Restaurant erwirtschafteten Gelder einzusammeln, daß man fast dachte, er spiegelt seine Vorstellungen exakt an diesem Trash-TV-Irrsinn oder orientiert sich daran, würde kein einziges Deut an dem dort vorzufindenden Irrsinn anders machen und beansprucht das auch noch für sich – das wäre also sein Weg, den er mit seinem Lottogewinn beschreiten würde. Aber auch darüber möchte ich eigentlich nicht urteilen: er soll das machen, was ihn glücklich macht – das muß er ja ohne Lottogewinn in seinem Leben auch schon. Er hat halt nicht die intellektuellen Mittel und Möglichkeiten irgendetwas anderes zu tun, noch irgendetwas anderes zu erwägen, diese Dinge sind ihm mehr oder weniger verschlossen. Als ich allerdings das Ganze gesehen und gehört habe, wie es sich bei ihm vollzieht, war ich natürlich getroffen, erschüttert, wie man mit so einer Ausstattung, mit so einem geringen Spektrum überhaupt sein Leben bestreiten kann, ein Leben auf irgendeinem unwesentlichen, unbedeutenden Punkt und dort zu schauen, was geht, was dort an Möglichkeiten existiert – offensichtlich gibt es ja noch Möglichkeiten, was ihn sogar dazu geführt hat, eine Familie gehabt zu haben, eine Freundin zu haben – wobei er sich allerdings über den Status der Beziehung noch klarwerden müßte. Aber daß es offensichtlich doch geht, mit so einer Ausstattung irgendein Leben zu führen. Die Schwierigkeit für mich war, wirklich dort die unvorstellbare Zahl an Inkompatibilitäten zu meinem Leben festzustellen und für mich zu sehen – und so hatte ich das auch leider wortwörtlich gesagt, aber immerhin nicht ihm gegenüber, sondern als ich mit meinem Bettnachbarn sprach – , daß man in diesem Allgemeinzustand grundsätzlich unvermittelbar ist. Und dazu zähle ich selbstverständlich die geistige Verwahrlosung und Idiotie, und eben die sonstigen körperlichen Unzulänglichkeiten, die im Grunde gar nicht richtig menschlich wirken, sondern als menschliche Überreste nur noch gelten können; eigentlich nur als Geräuschkulisse mit – im weitesten Sinne – menschlichen Umrissen. Daß man sich in diesem Zustand eigentlich nur noch erschießen könnte, weil man keine Möglichkeiten hätte, aber er ist von seinem Gemüt her – und das ist ihm durchaus anzurechnen und wahrscheinlich hat er auch gar keine andere Chance – fröhlich, einigermaßen unverdrossen, nach seinen Möglichkeiten nachdenklich, aber dann nicht depressiv, hat wenig und versucht irgendwie das Beste noch daraus zu machen, aus dem, was er hat, aus dem, was er bekommen hat.
Insofern, also prinzipiell, ist das gar nicht so sehr verschieden von allen anderen. Aber was das für Ausmaße annehmen kann, das war durchaus für mich schockierend zu sehen, weil es einfach so drastisch war. Ich hätte vermutet, eigentlich sogar gehofft, daß diese ganze Geschichte, wie sie sich dort abbildet, in diesem Menschen, sich um einiges harmloser darstellt – es war aber nicht zu machen. Er war, wie sich das zeigte, sehr hinfällig, auf dem absteigendem Ast, ist in einige Dingen, als relativ junger Mensch, eigentlich schon über den Punkt hinaus – vielleicht nicht ganz, aber es wirkte so, daß man an dieser Stelle wirklich sieht – diese Einfachheit, diese Limitiertheit, diese deutlichen Begrenzungen, eigentlich dieses ganze Unglück und dieses kaum mehr zu entwickelnde Potenzial, daß dies eigentlich eine Laune der Natur war, die ihn hervorgebracht hat, die ihn zu dem hat werden lassen, was er ist, die ihn, mit seinem Handy vor seinen Augen, durchs Leben führt.
Noch ein Nachtrag – ich hatte es ist fast schon verdrängt und vergessen. Er war natürlich permanent dabei, nicht nur auf sein Handy zu starren und irgendwelche unbedeutenden Dinge im Internet zu suchen, wie z.B. irgendwelche langhaarigen Playboys in Monaco heißen, sondern hatte auch unentwegt seinen Zappelfinger an der Fernbedienung des Fernsehapparats und konnte sich so den ganzen Tag damit beschäftigen. Der Fernseher lief auch, wenn er das Zimmer verlassen hatte oder wenn er schlief und sich offenbar gar keine Gedanken dazu gestattete, ob es vielleicht die übrigen Zimmerinsassen nerven würde. Der Fernseher lief einfach weiter, genauso selbstverständlich wie er sich weiter keine Gedanken machte, sondern lebte in den Tag hinein und folgte seinen Instinkten. Während die übrigen Anwesenden wirklich sehr viel komplexer veranlagt waren, und deshalb keines der hier beschriebenen Muster auf sie zutraf.
Es änderte selbstverständlich nichts, wenn man zu seiner Fernbedienung griff, um den von ihm eingestellten Fernseher abzuschalten (wenn er den Fernseher eingeschaltet hatte, ließ dieser sich nur von von seiner Fernbedienung wiederausschalten), da er ohne sich darum zu kümmern, den Raum verlassen hatte und nicht mal irritiert davon war, als er vom Rauchen oder nach Stunden wiederkam, daß der Fernseher plötzlich aus war, weil ich ein bißchen lesen wollte. Das sind allerdings Anliegen, die er sich gar nicht vor Augen führt. Also überhaupt die Möglichkeit des Lesens, ihm gar nicht in den Sinn kommt, weil er lieber irgendwelchen Schwachsinn guckt, irgendwelche idiotischen Filme auf Sky, dann weiter zu unbedeutenden Websites, zu irgendwelchen unbedeutenden Kontakten, die deshalb bedeutungslos sind, weil nichts daraus wird, weil die Potenziale nicht abgerufen und nicht gefördert werden.
Ich konnte mir an dieser Stelle aber trotzdem vorstellen, daß er ein liebevoller, gutmütiger und freundlicher Vater ist, auch wenn er jetzt von seinen Kindern getrennt lebt. Dennoch wußte ich sogleich, daß er von seinen Möglichkeiten viel zu stark limitiert ist, um auf seine Kinder irgendeinen günstigen Einfluß zu nehmen, als nur über sein freundliches, fröhliches und unbekümmertes Gemüt.

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One Response to “Grenzerfahrung.”

  1. Frau Schmidt sagt:

    Ist das nicht das Bilderbuch-Ideal dieser Gesellschaft: Selbstzufriedenheit bis zum Exzess, grenzenloser Frohsinn und ein unbekümmertes Gemüt wie ein kleines Kind?

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