Auslese

In dieser Woche hatte ich unverhofft die Möglichkeit, auf eine Weinmesse zu gehen, da Freikarten verfügbar waren. Der Versuchung völlig kosten-, aber nicht sinnfrei mir diverse Tropfen kredenzen zu lassen, konnte ich nicht widerstehen.

Die Messe fand in einer alten großen Halle statt, einem schönen schlichten Backsteingebäude mit spitzen Glasdächern, die zum Gebäudekomplex des ehemaligen Postbahnhofs gehört. Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz und werden seit 2005 vom neuen Besitzer als Messe- und Veranstaltungsräume angeboten.

Leider war von dem Charme der alten Hallen wenig zu sehen – außer im Entree, dem sogenannten Viadukt – denn alles war vollgestellt mit sterilen Messeständen. Die waren in ihrer Erscheinung alle gleich, nämlich weiß und oben in schwarzer Schrift der Name des Winzers oder Weinguts. Innerhalb der Stände konnten sich die Nutzer austoben und ihre Werbe-banner aufhängen und -stellen. Mir fiel auf, daß alles sehr durchgestylt war, ausgesprochen hochwertig und zumeist ansprechend gestaltet.
Soweit der Sinneseindruck bezogen auf die unbeweglichen Gegenstände.

Der zweite Eindruck fiel auf den Eintrittspreis: stolze 17 Euro hätte der betragen, wenn man regulär das Treiben besuchen wollte. Aber wie es aussah, waren wir bei weitem nicht die einzigen Besucher, die Freikarten zur Verfügung hatten.

Der spannendste und die Sinne betörendste Eindruck – nein, eher verstörendste – war der Anblick der Besucher.
Ich staunte nicht schlecht wie viele ehrenhafte Bürger dem Wein zugetan sind, also dem Alkohol, der hier den Deckmantel des gehobenen Genusses bekommt. Und ich staunte wie viele recht betagte Menschen sich dort tummelten. Also sechzigjährige waren fast in der Minderheit und erschienen jung. Das ging munter rauf bis 70 oder 80 und mehr. Alles, was sich nur halbwegs noch bewegen konnte, war erschienen – so kam es mir vor – oder wurde gerollt. Aber auch junges Volk war gekommen, Richtung Studententypus, von denen ich eher vermutet hätte, daß sie Bier trinken oder harte Sachen. Auch Gruppen von beschwingten Hausfrauen hatten sich eingefunden, diesmal nicht mit Putzfeudel wedelnd, sondern dem Glas. Denn jeder Besucher war mit einem Glas bewaffnet. Und damit wurden die Stände geentert, die Kennermine aufgesetzt und einstudierte Floskeln runtergeleiert, als da zu hören war von: Abgang, Barrique, Bouquet, Cuvée, Tannin – aber auch blumig, frühreif, vielversprechend, schwach entwickelt, frisch, spritzig, voll, geschmeidig, üppig, reizlos und überreif. Wäre ich blind und hätte nur die Adjektive vernommen, hätte ich mich wohl in einer anderen Veranstaltung gewähnt.

Auch meine Begleitung stellte ihr Wissen gerne heraus – was mich allerdings nicht sonderlich überraschte. Ich konzentrierte mich auf die Kostproben und kam auch hier aus dem Staunen nicht heraus, mit welcher Phantasie die Winzer begnadet sind wenn es darum geht, ihr Produkt schmackhaft zu machen. Ich kostete ProseQu, einen Quitten-Prosecco, naschte von der Domina, einer roten Traubensorte die tatsächlich so getauft wurde – aber auch Bacchus und Helios und Regent fügten sich in den bunten Reigen ein.

Nach knapp zwei Stunden Verkostung und trockenen Brothäppchen hatte ich genug gesehen und trollte mich heimwärts. In vino veritas, heißt es und dem stimme ich zu. Er offenbart so einiges, macht aber auch vieles erträglich. Denn sonst hätte ich die illustre Runde der Messebesucher, einem absurden Panoptikum mehr ähnelnd als lebendigen Menschen, wohl nicht ausgehalten.

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