Leben & Tod

Erst das Leben – ohne richtige Vorbereitung. Niemand kann vermitteln, was für einen persönlich passend, richtig und wichtig ist. Vermittelt wird Allgemeingut und -wissen, das seine Berechtigung hat, aber für den Einzelnen nicht zwangsläufig funktioniert. Letztendlich alleingelassen mit dem was mit einem geschieht, kommt man dem Lebensende immer näher. Jenes kann schon weitaus früher eintreten, wie man weiß, aber es wird gerne verdrängt. Ebenso wie das „normale“ Lebensende, das allzu gerne außer Acht gelassen und in weite Ferne geschoben wird.

Wir erleben kaum noch Berührungspunkte mit dem Tod. Gestorben wird im Krankenhaus oder Altenheim. Oder bei Unfällen und Unglücken. Kaum einer stirbt im Kreis der Familie, in seinen vier Wänden … Eine dramatische und entmenschlichte Entwicklung. Sogar die Leichenwagen sieht man kaum noch tagsüber durch die Stadt fahren. Das wird dezent in die Nachtstunden verschoben.

Das Thema alte Menschen ist ohnehin ein Kapitel für sich. Sie werden meist als Hindernis empfunden, weil sie nicht mehr so schnell sind – in den Gelenken und im Kopf. Kommt man selbst der nächsten Altersgruppe immer näher, wird es nicht so empfunden. Zumindest dann nicht, wenn der Kopf noch rege, wach und sich jung fühlt. Die eigene Wahrnehmung seiner Selbst ist eine völlig andere als jene, die die Umwelt von einem hat. Vielleicht ist das auch gut so und wichtig, damit der Lebenswille und -antrieb bis zum Ende erhalten bleibt. Allerdings sehe ich leider auch sehr viele Menschen, die schon weit vor ihrem Eintritt ins Alter aufgehört haben zu leben. Eine Tragödie. Persönlich bin ich davon überzeugt, daß man bis ins sehr hohe Alter wertvolle Erfahrungen, Erkenntnisse – Weisheiten? – erleben, sammeln und entdecken kann. Mein persönlicher Anspruch geht dahin Reife, Erfahrung und einen gewissen Grad an Vervollkommnung in meinem Leben zu erreichen, zu durchleben.

Ich zog vor gut zwei Jahren in diese Wohnung eines anderen Stadtteils, einem Komplex der 30-iger Jahre einer Wohnungsbaugesellschaft. Die Mieterstruktur ist gemischt, sowohl altersmäßig als auch sozial. Es wohnen viele alte Menschen hier, alteingesessene sozusagen. Was ich auch schön finde, weil klar wird, daß sie sich hier wohlfühlen und lange Zeit hier leben, mitgewachsen sind mit ihrem Kiez.
Die Kehrseite davon ist, daß ich mitbekomme wie nach und nach Wohnungen frei werden, weil wieder jemand verstorben ist. Einen alten Herren sah ich in seiner Parterrewohnung öfters am Fenster stehen und kaum, daß wir anfingen uns zu grüßen, sah ich ihn nicht mehr. Den gesamten letzten Winter über war alles wie unberührt und ich wunderte mich. Dann auf einmal sah ich einen Kleincontainer vor dem Haus stehen mit den letzten Habseligkeiten darin, die auf den Abtransport warteten. Im Umkreis von einem Häuserblock sah ich bereits fünf Wohnungen leer werden oder wo bereits die Handwerker zugange waren.

Wenn ich das um mich herum mitbekomme, beschleicht mich unweigerlich ein komisches Gefühl. Aber es ist nicht beunruhigend oder beängstigend. Es ist wie eine kleine Alarmglocke, die mir signalisiert, daß auch ich auf diesem Weg bin und der Tag X kommt – da geht nichts dran vorbei. Solch eine kleine Mahnung hilft dann hin und wieder, um die Realität zu sich selbst und dem Leben nicht zu verlieren. Es hilft, dem Leben nahe zu sein mit dem Wissen, daß der Tod dazu gehört. Es hilft auch, sich mit dem eigenen Älterwerden auseinanderzusetzen, einfühlsamer und nachsichtiger mit sich umzugehen, Verständnis für die nun verstärkt auftretenden Schwächen des eigenen Körpers – und dem der anderen – aufzubringen und anzunehmen. Und es gemahnt „Nie aufhören zu leben – das Älterwerden annehmen“. Wie es so schön im gleichnamigen Buch beschrieben wird, das ich geschenkt bekam.

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