Hoffnungslos vernagelt.

Es nervt entsetzlich, es kostet unheimlich Kraft das unwürdige Schauspiel auszuhalten, über sich ergehen zu lassen und dazu noch ruhig zu bleiben. Wie soll man es hinnehmen, das umfassende Unverständnis, diese Hirnrissigkeit, diese Verblödetheit, diese Unfähigkeit, mit der die Leute nicht eins und eins zusammenzählen können und wollen? Wenn sie sich eben nicht mit wichtigen Dingen beschäftigen, sondern mit allerlei Schnickschnack, Blödsinn, Zerstreuung, Ablenkung, aller möglicher Irrsinn – und selbstverständlich dabei nicht im Auge haben, daß die Zeit für andere Dinge aufgebracht werden müßte, die Aufmerksamkeit anderen Dingen gewidmet werden müßte. Und daher selbstverständlich nichts wahrnehmen, noch nichtmal interessiert sind, sondern seltsam entrückt von Welt und Realität, daß sie die Auseinandersetzung damit scheinbar nicht nötig haben.

Wenn doch einmal ein klarer Gedanke zu ihnen vordringt, wenn man ein Anliegen vehement vorbringt, dann wird die Sache merkwürdig abgetan: ‚Man hat sein Leben doch gehabt‘, ‚Et hätt noch emmer joot jejange‘ oder sonst irgendein hirnrissiger Spruch abgesondert, der nur auf die geistig-moralische Verwahrlosung hindeutet, den man natürlich kaum ernstnehmen kann; wo die Leute sich noch wundern werden, was dies für Folgen und Konsequenzen haben wird. Es wird offensichtlich gern alles in Kauf genommen. Alles, was sich jedoch erstmal beweisen muß. Und sie eventuell später – im Notfall – anfangen zu überlegen, also die Dinge auf der Zielgeraden zu entscheiden, wenn eingetretene Umstände sie zur Entscheidung oder zum Handeln nötigen.

Aber jetzt eben nicht. Vor der Zeit ist Ihnen das alles zu unbequem; es ist ihnen überhaupt zu deprimierend sich mit ernsten Gedanken zu befassen und deshalb lassen Sie es aus, blenden es aus. Nutzen jedoch ihre Zeit nicht stattdessen für etwas Sinnvolles, für etwas Richtiges, auch nicht zur geistigen oder seelischen Erbauung, sondern pflegen ihre anderen hirnrissigen Marotten, die genausoviel Kraft kosten, genausoviel Energie binden, wie die von mir – wider besseres Wissen erwogenen – ernsthaften Gespräche, die mit ihnen selbstverständlich zu nichts führen und in ihnen nichts wachrufen können, bei ihnen nichts in Gang bringen.

Was bleibt, ist dieser schwierige Kontakt: Ein Protagonist, der sich selbst überlassen bleiben will und seine Dinge für sich selbst entscheiden will. Der eben nichts tut in seiner Arglosigkeit, in seiner Zerstreuung. Der lieber in seiner merkwürdigen Illusion bleibt, der darin komplett verloren ist. Und zwar schon vor der Zeit, da er nicht zu mobilisieren ist, da er nicht aktiv werden kann und nicht irgendetwas bewerkstelligen kann, sondern vorgegriffen hat und damit schon jetzt zu den Opfern zählt – was ihm aber ganz recht ist, solange dieses Opfersein beinhaltet, daß man weiter nichts machen muß, daß man einfach weiter Fernsehen kann, weiter sein Leben vertrödeln kann, daß man sonstwelche stumpfsinnigen Dinge tun kann. Nicht jedoch ohne sich zu beklagen, es sei alles so langweilig, man hat ja doch nicht genügend geistige Beschäftigung. Daß man sich daher noch weitere beliebige Zerstreuungen sucht, statt einfach das Naheliegende zu tun, statt die Dinge zu tun, die wirklich angezeigt sind und plötzlich überhaupt keine Langeweile mehr zu haben.

Würden sie eine Verantwortung im Leib spüren, gälte es natürlich, ihre Dinge tatsächlich zu ordnen, tatsächlich auf den Weg zu bringen. Weil sie aber nichts dergleichen in sich spüren und auch nicht vermögen und ihnen überhaupt Verantwortung lästig ist, unterlassen sie es. Und wenn sie sich schon nicht um sich selbst kümmern, dann eben auch nicht für ihre Rotte, weil dieser Zusammenhalt auch schon nicht mehr richtig gegeben ist, wo man sich längst erschöpft, aufgerieben hat, wo man sich keineswegs mehr verpflichtet fühlt, da der wechselseitige Respekt, die Anerkennung und das gegenseitige Bekenntnis zueinander einfach fehlt.
So muß man konstatieren, die Leute haben kapituliert, sie haben sich selbst aufgegeben, haben nur noch zynische, sarkastische oder defätistische Ansichten, die eigentlich nurmehr den eigenen Untergang besiegeln, der ohnehin schon in Sichtweite ist. Sie werden sich allerdings noch wundern, wie weit und wohin sie dieser Niedergang noch bringen wird.

Ich sehe, daß sie sich in dieser Pose komplett verloren haben, weil sie den Kontakt zu sich selbst nicht mehr pflegen, seit Dekaden schon vernachlässigt haben und somit die einfachsten Dinge für sich nicht mehr bewerkstelligen können, weil sie diese nichtmal erkennen. Oder sich in diese Ohnmacht hineinsteigern, die aus den bekannten Gründen – nichts tun, nichts regeln, nicht aktiv werden müssen, sich nicht kümmern müssen – ihnen sehr recht, ihnen sehr angenehm ist und auf diesen Punkt sogar unbedingt bestehen. Und weiter – aus persönlicher Enttäuschung und wegen Beleidigtseins – die Dinge ausschließlich von außen zu erwarten, die also zuerst erfüllt werden müssen, bis sie sich endlich befleißigen, überhaupt irgendwie aktiv zu werden, überhaupt eine Verantwortung für irgendwas zu übernehmen – und sei es nur für sich selbst. All das haben sie nämlich bereitwillig und seit Jahren schon aufgegeben.

Ein anderer Punkt, den ich noch nicht erwähnt habe, sind die Blockaden derjenigen, die gerne etwas tun würden, die aber angesichts des Zukunftsszenarios, was sie sich ausmalen, gar nicht wissen was sie zuerst tun sollen und ihnen in dieser Situation natürlich sehr bewußt wird und ihnen sehr deutlich vor Augen tritt, daß sie eigentlich unmündig sind, unmündig gehalten worden sind, latent ohnmächtig sind und unfähig sind solche Dinge von neuem für sich zu regeln. Viel zu viele Dinge sind einfach in Vergessenheit geraten; viel zu viele Prozesse, Denkstrukturen sind nicht mehr angelegt, sondern untergegangen; viel zu vieles an Kenntnissen und Bewußtsein wurde jahrelang nicht abgefragt, daß sie sich diesem Wust an Dingen, der jetzt neu für sie zu regeln ist, der überaus wichtig für sie wäre, kaum gewachsen fühlen. Die darüber einfach die Nerven verlieren, die darüber verrückt werden, psychosomatische Störungen bekommen: schlechte Träume, innere Unruhe, schweißige Hände. Die sich darum den Aufgaben kaum gewachsen fühlen.

Daß allerdings die Auseinandersetzung mit diesen Themen und die entsprechende Vorbereitung, so schlecht sie auch sein mag, sich positiv auf ihre Befindlichkeit auswirkt, das haben sie noch nicht verstanden, das ist ihnen komplett verborgengeblieben. Das werden sie auch nicht erleben, sollten sie diesen Status der Untätigkeit nicht überwinden und sich aus Bequemlichkeit noch ein paar Jahre länger ohnmächtig, den Anforderungen nicht gewachsen fühlen.

All diesen Unsinn mitanzusehen, diese pathologischen Verhaltensweisen, diese blödsinnigen, hirnrissigen Ausreden mitanzuhören, dieses ganze selbstgefällige heuchlerische Getue, auch dieses Posieren mit Lebensverneinung, mit Defätismus, mit einem vor sich hergeschobenen, narzißtisch durchtränkten Selbstmitleid, bei gleichzeitiger Bewußt- und Phantasielosigkeit ist wirklich schwerlich nur auszuhalten, ist schwerlich zu ertragen und macht mir diesen Umgang mit diesen Menschen unerträglich. Ich kann das nämlich alles nicht aushalten, was ich dort vor Augen geführt bekomme, was ich dort angeboten bekomme, was deren Realität sein soll, was deren Meinung oder Vorstellung sein soll, was deren Anliegen angeblich sein soll – sie haben nicht über das mindeste, nicht über das kleinste sich Gedanken gemacht und tragen ihren Stumpfsinn noch höhnisch, vorlaut vor sich her und gefallen sich sogar in dieser Pose.

Sich anders zu verhalten, schlauer zu sein, das kann man heute offensichtlich von niemand erwarten. Denn dann wären ja alle vernünftig und besonnen, und nicht etwa degeneriert und hoffnungslos vernagelt, wie sie nunmal sind.

(Originaltext aus 2015)

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2 Responses to “Hoffnungslos vernagelt.”

  1. Chris K. sagt:

    Herr, du weißt, dass ich altere und bald alt sein werde. Bewahre mich davor, schwatzhaft zu werden und besonders vor der fatalen Gewohnheit, bei jeder Gelegenheit und über jedes Thema mitreden zu wollen. Befreie mich von der Einbildung, ich müsse anderer Leute Angelegenheiten in Ordnung bringen. Bei meinem ungeheuren Schatz an Erfahrungen und Weisheit ist’s freilich ein Jammer, nicht jedermann daran teilnehmen zu lassen.

    Du weißt, Herr, am Ende brauche ich ein paar Freunde. Ich wage nicht, dich um die Fähigkeit zu bitten, die Klagen meiner Mitmenschen über ihre Leiden mit nie versagender Teilnahme anzuhören. Hilf mir nur, sie mit Geduld zu ertragen, und versiegle meinen Mund, wenn es sich um meine eigenen Kümmernisse und Gebrechen handelt. Sie nehmen zu mit den Jahren, und meine Neigung, sie aufzuzählen, wächst mit ihnen.

    Ich will dich auch nicht um ein besseres Gedächtnis bitten, nur um etwas mehr Demut und weniger Selbstsicherheit, wenn meine Erinnerungen nicht mehr mit der anderer übereinstimmen. Schenke mir die wichtige Einsicht, dass ich mich gelegentlich irren kann.

    Hilf mir, einigermassen milde zu bleiben. Ich habe nicht den Ehrgeiz, eine Heilige zu werden. Mit manchen von ihnen ist es so schwer auszukommen. Aber ein scharfes altes Weib ist eins der Meisterwerke des Teufels.

    Mache mich teilnehmend, aber nicht sentimental, hilfsbereit, aber nicht aufdringlich. Gewähre mir, dass ich Gutes finde, wo ich es nicht vermute, und Talente bei Leuten, denen ich es nicht zugetraut hätte. Und schenke mir, Herr, die Liebenswürdigkeit, es ihnen zu sagen.

    Gebet des älterwerdenden Menschen
    Teresa von Ávila, 1515-1582

    • Frau Schmidt sagt:

      Wie schön – anscheinend gab es das Thema Schwatzhaftigkeit und seinen Senf zu allem abgeben schon immer. Was würde Teresa von Ávila zu all dem Müll sagen, der sich über die Social-Media-Kanäle verbreitet? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auf den Gedanken käme ihre Weisheit derart mitzuteilen, damit jedermann dran teilhaben kann.

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