Ohne Charme

Ein Oktobertag, der wie November daher kommt und seltsamste Empfindungen auslöst mit seiner trüben Sicht, seinem grauen Himmel und dem stetigen Regen, der nicht erfrischt sondern einem den kalten Schauer durch den Körper jagt. Schwer liegt der Mut, eigentlich mutlos, auf dem Gemüt.

Die Dinge des Alltags müssen dennoch gemacht werden und so begibt sich der Körper hinaus ins trostlose, triste Treiben der Stadt.

Im Hafen Center, dem kleinen Shopping-Paradies in der Nähe, ist zur Zeit eine Terrarien-Ausstellung zu sehen. Im unteren Geschoß sind es verschiedene Schlangenarten, die in ihrer vermeintlich natürlichen Umgebung präsentiert werden. Mich interessieren Terrarien nicht sonderlich, schaute darum nur im Vorübergehen in die Kästen. Was mir dabei auffiel und interessant war, daß die Schlangen – egal ob groß oder klein – kaum sichtbar waren. Sie versteckten sich meist, schliefen und waren zudem in ihrer Farbigkeit gut dem Umfeld, also der sogenannten natürlichen Umgebung, angepaßt. Das ist schlau. Wenn sich die meisten der Mitmenschen so verhalten würden, dann wäre dem Wohl der Welt schon viel geholfen … so zumindest meine Assoziation und Schlußfolgerung.

Ich kam an einem Friseurgeschäft vorbei, wo ein Schild im Fenster hing mit den Worten: Friseurin gesucht. Ich stutzte innerlich. Irgendwas stimmte für mich nicht daran. Muß es nicht Friseuse heißen? Oder ist dies hier der neusprachliche Gebrauch? Ich mußte an den Film „Der Mann der Friseuse“ denken und bei der Vorstellung, daß der Titel lauten würde „Der Mann der Friseurin“ kräuselten sich mir unweigerlich die Nackenhaare bei dieser wenig charmanten Bezeichnung. Es gibt eben Dinge, die gehen einfach nicht, die darf man nicht machen, denn sonst kommen sie einem Verbrechen gleich.

Auf dem Weg nach Hause kam ich an einem sogenannten Familienrestaurant vorbei, wobei Restaurant zu viel gesagt ist. Es existiert seit Anfang des Jahres und nennt sich „Affentheater“ und will die Eltern animieren mit ihren Sprößlingen dorthin zu gehen, besonders bei schlechtem Wetter. Denn es wird ein Indoor-Spielplatz geboten und an bestimmten Tagen jede Menge Süßigkeiten für wenig Geld. Heute war dort eine geschlossene Gesellschaft und die Vermutung lag nahe, es sei ein Kindergeburtstag. Ich sah von weitem im Schaufenster Luftballons oder Lampions und dergleichen buntes Zeug. Doch es war eine Hochzeitsgesellschaft – zu meiner Überraschung. Für einen Augenblick bekam ich das Gesicht der Braut zu sehen, die alles andere als glücklich aussah. Was mich nicht wunderte bei den Räumlichkeiten, die so gar nicht einladend für eine Hochzeit aussahen, wo sich noch nicht mal jemand die Mühe gemacht hatte, eine entsprechende festliche Dekoration auszurichten. Ungemütlichkeit pur ist das was mir dazu einfiel oder um in den Begrifflichkeiten zu bleiben: wenig charmant – nein, eigentlich gar nicht charmant. Ich verstand es nicht, denn es war eine türkische Hochzeit, die ja eigentlich dafür bekannt sind sehr überbordend ausgestattet zu werden. Meine Erklärung war, weil die Braut nicht mehr so jung war, daß das Fest folglich nicht von den Brauteltern ausgestattet wurde. Aber wer immer sich das ausgedacht hat, machte ihr damit keine Freude am Freudentag. Wobei mir schon bewußt ist, daß auch noch andere Faktoren die freudlosen Züge auf ihr Gesicht gezaubert haben können.

 

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