Wozu also noch reden?

Heute ergab sich eine günstige Wendung des Schicksals, als mir einige Dinge zugefallen sind, die aktuell einige Fragen meines Lebens beantworten. Das sind Dinge, nach denen ich nicht ausdrücklich gefragt habe, nach deren Auflösung ich mich jedoch sehne, die mir aus diesem reichhaltigen Schatz der Erklärungsversuche der Menschheit, an denen ich mich durchaus beteilige – ohne zu betteln und ohne auf die Beantwortung zu drängen -, von irgendwoher eine Antwort zufallen läßt.

Das bezog sich auf die Beantwortung der Frage: Warum ich mich mit diesen Leute abgebe, an deren Geistesfähigkeit ich zweifeln muß, wo ich wirklich mit mir hadern muß, wieso ich mich damit noch auseinandersetze, mich befasse, und mich wieder und wieder – und zwar mittlerweile jedesmal – an deren Stumpfsinnigkeit reibe?

Mir war bisher nicht klar, warum diesen Menschen das selbst gar nicht auffällt, warum so gar keine Antennen dafür angelegt sind, vorhanden sind, das nötige Fingerspitzengefühl fehlt und das ganze Bewußtsein offensichtlich dafür nicht ausgelegt ist, diese Dinge wahrzunehmen, daß sie so sehr falsch liegen mit der Annahme, ihre stumpfsinnigen Einschätzungen wären für irgendjemand da draußen von Interesse, weshalb sie diese allerorten aufsagen, vor sich hinsagen, in die ehrwürdige Stille hineinsprechen. Und damit etwas verlautbaren, was diesen Raum nicht ausfüllen kann, weil das Ansinnen einfach vollkommen geistlos ist, unwürdig, unbedeutend, unnütz, ziellos, anspruchslos, sinnlos oder so niedrig gestellt, daß kaum diese Anstrengung unternommen werden bräuchte, dies überhaupt für irgendjemand in Worte zu fassen.

Und so laufen Gespräche, wenn man diese nicht rechtzeitig unterbindet, sich rechtzeitig verweigert oder höchstselbst und initiativ sinnvolle, geistreiche Gesprächsthemen aufbringt, diese in Richtung eines echten Interesses leitet, laufen diese Gespräche unweigerlich auf diese Totpunkte hinaus, auf das Ende von Kommunikation, auf das Mitanhörenmüssen nutzloser Füllwörter, die offensichtlich jedoch unbedingt ausgesprochen werden müssen, sinnlosester Positionen, auf die man nichts wechseln kann, auf die man nichts erwidern kann, die auch mit zunehmender Besprechung nicht überraschend und unerwartet doch noch einen Sinn bekommen, weil von vornherein deutlich und klar ist daß sie keinen haben.

Darauf bekam ich heute diese Antwort hingeworfen, daß die Leute die Fähigkeit einfach nicht haben, die Geistlosigkeit ihrer Ansinnen zu beurteilen, d.h. sie sind so schwachsinnig, daß sie darüber gar nicht reflektieren können und somit die Geistlosigkeit und Schwachsinnigkeit ihres Ansinnens gar nicht feststellen, weil ihnen gerade dazu die Befähigung fehlt. Sie sind also in diesem luftleerem Raum gefangen und merken es gar nicht. Und ahnen auch gar nicht, wie sehr sie damit anderen zur Last fallen, auf den Geist gehen und deren Lebenszeit vergeuden.

Und ich fragte mich immer, wie kann das nur sein? Es muß doch zumindest dieses Minimalgespür angelegt sein, es muß doch irgendwo vorhanden sein. Man hat doch mehr oder minder ausgeprägte Antennen dafür, um zu wissen und zu beobachten ob man ankommt, ob ein Gespräch in Gang kommt, ein Witz zündet, oder ob das, was man sagt ganz und gar unpassend ist, unangebracht oder was auch immer. Das bleibt jedoch vollkommen unerkannt. Also muß ich an der Stelle wirklich von der kompletten Vernageltheit der Protagonisten ausgehen, und diese wird durch die fortwährende geistlose Rede, die nichts aussagen will, die zu keinen Ergebnissen führt, die nirgendwohin will, zeitraubend bestätigt.

Auch wenn es gar keine Gespräche sind, sondern schriftliche Mitteilungen irgendeiner vermeintlichen Information, die keine ist, die eben wieder nur die Geistlosigkeit der Protagonisten noch unterstreicht, die vollständige – vielleicht sogar wissentliche und gleichgültige – Unterwerfung vor irgendeinem äußeren Prozeß offenlegt, der sie ja wenigstens beschäftigt, sie mit der Welt verknüpft und damit untrennbar verbindet. Das Einnehmen irgendeiner völlig willkürlichen oder auch einer allgemein übereingestimmten, nutzlosen Position und ihnen darum dieses Glück verspricht, für irgendwelche Dinge die Instanz zu sein … vielleicht nicht die Instanz – Gott bewahre, sondern erstmal ein Ansprechpartner zu sein, der angelaufen wird und somit die gewünschte Aufmerksamkeit bekommt, der angefragt wird, solange es um unbedeutende Belange geht. Die Protagonisten erfahren dadurch ihre Beschäftigung, um wenigstens nicht sich selbst überlassen zu bleiben und dort vor lauter Phantasielosigkeit einzugehen und zu geistig zu vertorfen, wirklich restlos und vollkommen zu verblöden. Obwohl das eigentlich die nächste Stufe nur sein kann, diese vollkommene Verblödung. Weil so viel auf dem Weg dorthin schon erreicht ist: Es wurde bereits sämtlich alles zurückgelassen, jeglicher Gehalt an Geist, Feinfühligkeit und werthaltiger, belastbarer, präziser Information, daß eben sonst nichts mehr übrig ist. Nur noch dieser eine, letzte Schritt zur völligen geistigen Verwahrlosung – so jedenfalls macht es für mich den Eindruck.

Wem schon nicht gegeben ist das leiseste Gespür zu haben „hier könnte ich vielleicht falsch liegen“, „hier ist der Punkt erreicht, wo ich gar nicht weiterreden brauche, denn es wird so oder so nicht interessieren“, wem also dieses Gespür nicht mehr gegeben ist festzustellen – möglichst so schnell es geht zu realisieren „die Informationen, die ich geben kann, interessieren meinen Gesprächspartner nicht im mindesten“, wenn das schon nicht mehr gegeben ist, dann ist ohnehin Hopfen und Malz verloren, der Kontakt zur Wirklichkeit und zum Mitmenschen für immer abgerissen.

Das sind Gesprächspartner, die sich keiner wünscht und darum bleibt nur – in logischer Konsequenz – wirklich nur das Abstellgleis, auf die man sie dann schleunigst abschiebt, wo sie irgendeine pro-forma-Funktion erfüllen, wo sie sich als Irrläufer der Evolution zerstreuen, sich über Nebensächlichkeiten austauschen können, sich über nutzlose Dinge informieren. Wo es eindeutig nicht um wichtige Anliegen geht, sondern nur um praktische Anleitung und Hilfestellungen für Problembewältigungen im Idiotenalltag, in ihrem sinnentleerten Leben. Für mehr eben nicht.

Für mich hatte ich festgehalten, daß ich lieber nicht über Alltagsthemen rede, daß ich also nicht sagen muß, daß ich dies oder jenes verrichtet habe, keine vollständige Namensliste aller, die ich schon kenne einbringen muß. Weil der Informationsgehalt einfach zu gering ist und darum nur auf Nachfrage etwaige Details erwähne, nur um anzudeuten, daß ich durchaus auch mit Nebensächlichkeiten beschäftigt bin, mich genauso darum kümmern muß, aber sonst nur ungern darüber viele Worte verliere. Es ist einfach zu belanglos und zu niedrig davon zu sprechen.

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3 Responses to “Wozu also noch reden?”

  1. Frau Schmidt sagt:

    Was mich irritiert: Du schreibst im zweiten Absatz, dass es sich auf die Frage bezog „Warum Du Dich mit diesen Leuten abgibst und an deren Geistesfähigkeiten zweifeln musst …“
    Den zweiten Teil der Fragestellung erläuterst Du explizit und detailliert, verständlich und nachvollziehbar. Aber den ersten Teil der Frage beantwortest Du für mein Verständnis nicht. Warum gibst Du Dich mit diesen Leuten ab?
    Ich weiß von mir, warum ich das tue, kenne solche Leute auch – die sich zum Teil sogar meine Freunde oder Freundinnen nennen. Und ich weiß von mir, warum ich mich dennoch mit ihnen abgebe: Weil ich nicht den Mut habe ihnen die Tür zu weisen. Ich rede zwar auch schon mal Tacheles, aber das wird dann für mein Empfinden als „sie war wohl nicht gut drauf“ abgespeichert … und keiner kommt auf den Gedanken, dass es tatsächlich mit ihnen zu tun hat.
    Kunden und Fremden gegenüber bin ich generell erstmal freundlich und zuvorkommend gegenüber, solange es mit mir vereinbar ist. Von Dir weiß ich allerdings, dass Du resoluter und durchaus härter zum „lieben“ Mitmenschen sein kannst …
    Also: Warum gibst Du Dich mit diesen Leuten ab?

    • Admin sagt:

      »Nehmen Sie die Menschen wie sie sind – andere gibt’s nicht.« Konrad Adenauer

      Es ist ein ambivalentes Problem: Man kann nicht mit ihnen, man kann nicht ohne sie leben. Es sei jedem gestattet, mal einen schlechten Tag oder seine Tage zu haben oder temporär unzumutbar, unaushaltbar zu sein. Das gestatte ich mir selbst ja auch.
      Was ich jedoch beobachte, daß mit dem Verfall der guten Sitten umgekehrt proportional die Rücksichtslosigkeiten, Gedankenlosigkeiten, Selbstgefälligkeiten in alle Lebensbereiche vordringen, diese sogar dominieren. Die Gestalten sind entweder zu wenig gebildet, zu primitiv oder haben sich ihre rücksichtslose Position erarbeitet – nach ihrem Selbstverständnis steht ihnen also die vollständige und restlose Mitteilung, eigentlich Entleerung ihres Gedankenmülls zu. Schließlich haben sie lange genug Rücksicht genommen, haben lange genug zurückgestanden, den Mund gehalten. Aller entfachter Irrsinn ist damit standesgemäß und für alle anderen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen, auszuhalten.

      Noch ein Nachtrag: Man kann sich nicht leisten, die Leute zu schnell über die Klinge springen zu lassen. Man muß ihnen für ihre Entwicklung, für ihre Läuterung Zeit lassen. In letzter Zeit habe ich jedoch oft genug das Gefühl daß nicht wenige davon, mangels Selbstreflexion, -kontrolle, -beherrschung für immer verloren sind. Man kann sie auch nicht mehr zurückholen, weil sich der Energieaufwand nicht lohnt. Die wenigen lichten Momente können den Nervenstreß, den sie bei jedem Kontakt verursachen, nicht und niemals mehr aufwiegen.

      • Frau Schmidt sagt:

        Also mit anderen Worten: weil wir soziale Wesen sind, brauchen wir einander, auch wenn die überwiegende Mehrheit um einen rum alles andere als sozial sich verhält.
        Ihnen Zeit geben für ihre Entwicklung und Läuterung, die Klinge nicht so schnell zücken und schärfen – ja, leuchtet ein und ist eine noble Denk- und Handlungsweise. Erfordert aber sehr viel Geduld … und die kann schon mal abhanden kommen.

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