Alles in Auflösung.

Heute früh war die Entrümpelung, also der Sperrmüll. Nachdem es gestern den halben Tag über schon sehr laut war, mit stundenlangem Krach und Geschepper, hat es heute nochmal eine Viertelstunde gedauert um das alles komplett auszulöschen und wegzuschmeißen, was dort am Straßenrand aufgetürmt wurde: Ein Berg aus Habseligkeiten – zusammengetragen in einem ganzen Menschenleben.

Es hatte etwas von einer Preview-Funktion. In meinen Augen bietet die Wirklichkeit manchmal Momente der Vorschau auf ein mögliches Schicksal, auf mögliche Szenarien, was dann eben passiert, wenn der Zeitpunkt gekommen ist. So auch gestern: Da wird alles kurz und klein gehauen. Und wenn überhaupt noch etwas brauchbares dabei ist kommen die Aasgeier, schnappen sich ein paar Teile – in der Regel aber ist das meiste vollkommen wertlos. Schon allein deshalb, weil es nichts mehr von Wert überhaupt zu kaufen gibt. Es ist alles nur noch von fragwürdiger Qualität und großer Bedeutungslosigkeit: Billiger Tand, der kaum drei Minuten über seine Nutz- und Wertlosigkeit hinwegtäuschen kann.

Die Würde eines Menschen ist ganz sicher eine große Illusion. Was davon tatsächlich zu halten ist ereignet sich bereits kurze Zeit später, wenn dieser endlich gestorben ist. Wenn jene, die sich aus unerfindlichen Gründen für zivilisiert halten über ihn hinwegfegen.
Wie im Grunde schon das ganze Leben alles über ihn hinweggefegt ist, als man nicht mal Antworten oder Stellungnahmen abgewartet hat, oder sich nach seinen Wünschen erkundigt hat. Als man dafür keine Zeit und auch nicht die Geduld hatte.

Ist er endlich tot, dann muss man auf gar nichts mehr achten. Nein, Achtung ist hier das falsche Wort: zeitlebens wird man nicht geachtet und nicht beachtet. Es wird vielmehr herumlaviert und abgewogen, ob man jetzt auch noch grüßen muss, oder ob man an ihm vielleicht noch ungesehen vorbeikommt, oder ob man einfach so tut, als hätte man ihn nicht gesehen. Alles, alles ist wichtiger als der Mensch. So ist das in dieser schönen Scheinwelt.

Ausnahmen davon empfinde ich inzwischen, nachdem ich mir das einige Jahre angesehen habe, nur noch als bedeutungslos und lächerlich. Diese Ausnahmen entsprechen sicherlich den ehrlichen Wünschen der Protagonisten, dass vielleicht alles anders sein könnte, dass vielleicht Dinge von Wert sein und Bestand haben könnten: Freundschaft, Liebe, Familie, Vertrauen. Beständigkeit allein ist auch schon ein gewisser Wert.

Aber alles ist in Auflösung, das ist noch das beständigste. Auflösung wegen leisesten Missverständnissen oder wegen Konzentrationsmangel auf der einen Seite und Engstirnigkeit und Intoleranz auf der anderen. Dass man eigentlich nicht umhinkommt, das ganze Leben als einen verzweifelten Akt anzusehen, sich darin zurechtzufinden. Was einem selbstverständlich nicht gelingt.

Wenn es aber doch gelingt, kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass man einer dieser ekelhaft angepassten Arschlöcher und Vollidioten ist, die ihren Selbstverrat und ihre Selbstaufgabe soweit getrieben haben, dass sie sich an jede Lebenssimulation noch gewöhnen, jedes noch so nutzlose Produkt tollfinden, an jeden Kackhaufen sich noch anpassen können.

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9 Responses to “Alles in Auflösung.”

  1. Frau Schmidt sagt:

    Gute Beobachtung. Habe leider momentan keine Zeit, um drauf einzugehen. Hole ich später nach …

  2. Frau Schmidt sagt:

    Deinem Beitrag ist eigentlich doch nicht mehr viel hinzuzufügen.

    Außer, daß mir ein Spruch eines alten Philosophen durch den Kopf geht – bestimmt Grieche, aber ich habe den Namen vergessen: „Nichts ist beständig außer die Veränderung.“

    Vielleicht sind die sich in Auflösung befindenden Dinge nur in einer Phase der Veränderung. Der Verstorbene hoffentlich an einem besseren Ort. Die Begleitumstände wie Aasgeier, Unwürdigkeit, Wertlosigkeit sind leider unserer Form des Zusammenlebens geschuldet, das in den Grundmauern bereits marode aufgebaut wurde. Aber was erwartet man von Menschen, die nicht mal im Traum dran denken, einem alten Menschen in Bahn oder Bus einen Sitzplatz anzubieten?

    Ich vermute, daß auch die Trägheit des Menschen und seine Angst vor Veränderung einen großen Teil dieser Mißstände ausmachen – sowohl im privaten wie im öffentlichen und politischen Dasein. 
Einerseits ist der Mensch angestachelt und gierig nach Neuem, neuen Gigs und Kicks und jagt von einer Ablenkung zur nächsten. Andererseits will er festhalten an dem was er kennt, wo er sich sicher fühlt. Beide Verhaltensmuster blockieren meiner Meinung nach wirkliche Veränderung – also eine Veränderung die stattfindet aufgrund von Entscheidungen, Erfahrungswerten und Einsichten. Das ist ein Unterschied als sich nur ins nächste Getümmel zu stürzen weil man abgelenkt sein will und das für Veränderung hält. 

    Aber wenn sich der Mensch und eben besonders der nächste Mit-Mensch keinen Kopf um sein eigenes Seelenheil macht, sich ja selbst kaum als Mensch begreift sondern eher als notgeilen Vergnügungssüchtigen – wie soll da ein Zustand von Anerkennung der menschlichen Würde entstehen? Nicht einmal zu Mitleid, geschweige denn Empathie, sind unsere Nächsten fähig – egal ob sie an der nächsten Türe wohnen oder zur Familie gehören.

    Sich im Leben zurechtfinden … 
Es gibt Momente des Zaubers, wo es schwebend leicht geht im Leben. Weil es fließt und man fließt mittendrin und alles ist gut. Diese Momente sind leider sehr rar und will man sie festhalten, entgleiten sie einem sofort – so zumindest ist meine Wahrnehmung.

  3. Chris K. sagt:

    Lieben Dank für Deine Antwort.

    Bleibt die Frage ob die Momente des Zaubers echt, oder vielleicht gestellt oder inszeniert sind – das kann durchaus sein. Natürlich sind die Momente der Aasgeierei, Bevormundung und Rücksichtslosigkeit dagegen erdrückend.

    Mich beschäftigt das schon seit einigen Tagen und doch habe ich das wichtigste vergessen: Wer kann schon aus seinem Gedankengefängnis ausbrechen? Sie wandeln auf ausgetretenen Pfaden und sind Opfer ihrer Konditionierungen.

    Es braucht Persönlichkeit, nein, Charisma und einen langen Atem um sie auf andere, auf richtige Gedanken zu bringen.

    • Frau Schmidt sagt:

      Also die Momente des Zaubers in meinem Leben, von denen ich rede, sind alle echt. Ob auch auf der anderen Seite – wenn andere involviert waren – kann ich nicht beschwören, sondern nur von mir reden.

      Um aus dem Gedankengefängnis auszubrechen braucht es den eigenen Willen dazu oder Jesus, den Totalcharismatiker. Mehr nicht.

  4. Chris K. sagt:

    Wenn ich mir den sogennanten Willen der mir nahestehenden Mitmenschen so anschaue: Sie sind vorsätzlich, willfährige Opfer ihrer eigenen Gedanken- und Phantasielosigkeit.

    Da kommt kein Ausbruch. Nie im Leben!

    Und so kommt es zu Eindrücken, wo mir deutlich bewußt wird, daß diese Menschen im eigenen Leben gar keine Rolle spielen, gar nicht anwesend sind. Mit allen haarsträubenden, menschenverachtenden Konsequenzen: Namen und Zahlen – siehe http://www.subvers.de/2012/04/namen-und-zahlen/

  5. Frau Schmidt sagt:

    Du schreibst es selbst: Den sogenannten Willen … Die meinen sie wollen dies oder das – wie kleine Kinder.

    Ich rede vom Willen zur Veränderung seiner Selbst. Das bedeutet zu allererst die innere Entscheidung treffen sich oder sein Leben verändern zu wollen. Danach kommt ein wenig Euphorie und dann die Anstrengung es umzusetzen. Die meisten stoppen doch schon vor der inneren Willensanstrengung, sich oder etwas in ihrem Leben verändern zu wollen. Wenn sie es doch bis zur Euphorie geschafft haben sollten, ist spätestens dann Schluß – weil danach erstmal nicht mehr lustig.

    In meinem Leben habe ich mich und hat sich stets viel verändert. Ich weiß wovon ich rede. Bis 2009 verharrte ich circa fünfzehn Jahre in einem starren funktionierendem Muster. Das wurde aufgebrochen durch verschiedene Umstände und Einflüsse. Ich bin an einem Schnittpunkt in meinem Leben angelangt, wo sich dramatisch viel verändert und ich es auch will. Aber es brauchte dennoch viel Zeit es zuzulassen. Und ich bin noch nicht durch. Denn die Anstrengungen der Umsetzung liegen noch vor mir. Aber inzwischen ist die Angst davor verschwunden. Das fühlt sich gut an.

  6. Chris K. sagt:

    Mir liegt noch daran Dich von meinem vermeintlichen Pauschalurteil auszunehmen.

    Solange der Ausbruch auch dauert, man muß sich in seinem neuen Leben, mit seinen neuen Gedanken erst zurechtfinden.
    Da bist Du selber diejenige, die am meisten drängelt – Du bist der Maßstab, für alle Augenblicke Deines Lebens! Wir haben keine Zeit mehr um uns etwas vormachen zu lassen.

  7. Frau Schmidt sagt:

    Danke!

  8. Alphonse sagt:

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