Seelentröster und toter Fisch

Was für ein Leben …  man muß sich abrackern und danach für die Belohnung auch noch selber sorgen. Was hat das für einen Wert?

Wochenlang gearbeitet … ich Glückliche könnte man sagen, denn andere sammeln Flaschen. Doch dadurch wurde alles was persönlich wichtig ist oder sein könnte, links liegen gelassen. Ja, man vernachlässigt sogar sich selbst bis auf die tägliche Hygiene – oder war es Hyäne? Egal, der Unterschied wird eh kaum wahrgenommen.

Heute dann ein Freudentag, sozusagen, denn es ist vollbracht. Eine Sache kam zum Abschluß – in der Hoffnung, dass es kein Abschuß wird. Und vor Freude schreit die Seele nach Befreiung.

Also auf und davon aus der Behausung, raus in die weite Welt. Das Wetter zauberhaft herbstlich mit leichtem Vermoderungsgeruch in der Luft. Genau richtig. Ein wenig Sonne, ein wenig Wind, ein wenig frisch. Genau richtig.

Und das Herz lechzt nach Belohnung wegen all der Entbehrungen der letzten Wochen. Doch diese Belohnungen muß ich mir selber geben. Das schaffe ich selten genug, aber heute geht es.

Als erstes eine Tour durch die Einkaufsmeile, ein Gang durch die Bekleidungshallen und der Blick fällt auf ein frisch-gestreiftes Shirt, das nach Frühling aussieht. Es gefällt und wird gekauft weil es in die Belohnungsschablone paßt. Dann wird alles fürs leibliche Wohl eingepackt: Gemüse und frischer Lachs.

In der Küche erstmal ein Seelentröster: lettischer Wodka, eiskalt, frischfruchtig im Abgang ohne brennerig zu sein. Lecker. Der heizt mir ein und gibt den notwendigen Kick, um das Essen gelingen zu lassen. Was auch klappt: Es schmeckt famos und mundet außerordentlich. Ein Festessen, wohlverdient, und der Ausklang einer langen und anstrengenden Woche.

Soweit so gut. Aber ist das alles? Kann das tatsächlich das Höchste noch erdenkliche Glück auf Erden sein, wenn ich mir tote Tiere lecker zubereite, untermalt mit Wodka, Chardonnay und Gemüse? Letztenlich alles bereits seit Tagen tot … Wie kann dergleichen mir das geben, wonach ich wirklich verlange? Es ist nur ein Ersatz und heute nicht mal billig. Das nahm ich billigend in Kauf denn ich hatte es mir hart verdient. Aber es bleibt ein schaler Geschmack zurück, auch wenn es noch so lecker war. Es ist nicht das was ich schlußendlich von meinem Leben will, es ist nur der Ersatz. Doch zuweilen kommt es mir so vor als wenn ich nicht mal mehr weiß was ich denn wirklich von meinem Leben will … Ob ich es jemals wußte?

Wenn ich um mich schaue, dann scheint den meisten Mitmenschen leckeres oder eher fettiges Fast-Food-Essen und ein wenig Bussy-Bussy und Money und Gemütlichkeit und TV und Hobby völlig auszureichen – nicht zu vergessen bestimmte Statussymbole, wer es sich leisten kann.
Auch ich belohnte mich heute mit Einkauf und leckerem Essen – spürte aber die Ernüchterung danach, merkte, daß das nicht und niemals im Leben alles sein kann. Spüren es die anderen nicht?
Ich nehme bei den Menschen wahr, daß sie nicht viel erwarten und mit den geringfügigsten Dingen bereits zufrieden sind. Und ich meine damit nicht die materiellen Dinge, die man sich von dem bißchen Geld noch leisten kann. Sondern der Anspruch und die Erwartung an die inneren Werte und geistigen Belange sind verschwindend gering. Das irritiert mich, das macht mir sogar zuweilen Angst.
Es fehlt der Austausch, das Pendant, der Gegenpart, der Fürsprecher und der Widersacher, der wahre Seelentröster, die Kommunikation, das Feuer der Begeisterung, das Wissen und Vertrauen, nicht umsonst da zu sein.

Eine Ansammlung an Gedanken mit einigen Fragezeichen – aber heute ist mir danach, denn alles was ich wahrnehmen kann ist ein einziges Rätsel …

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2 Responses to “Seelentröster und toter Fisch”

  1. Chris K. sagt:

    Zum einen bin ich ja da, auch wenn ich denn still bin. Zum anderen ist Kommerz = Ersatzhandlung. Gut gelernt, junge Dame!
    Manchmal hilft geistiges Getränk, auch „ohne brennerig zu sein“. Alles in allem scheint klar zu werden: am Ende aller fremdbestimmten Taten bleibt Unbehagen. Völlig egal ob es dann zwei- oder fünftausend mehr herabregnet vom Sternenhimmel. Der Verdienst ist so abstrakt, wie der Aushang des vollsynthetischen Angebots. Der Verlust am selbstbestimmtem Leben, an Seelenheil ist immer ungleich größer. Da helfen auch nur unwesentlich leckere, tote Tiere, deren Seele schon ein Weilchen von ihnen gegangen ist, darum auch nichts von ihnen – außer ein paar schöner Vitamine und Mineralien – auf uns übergeht. Dagegen geht der vorherrschende Irrsinn, Beliebigkeit und die Konsumleere sehr gut auf uns über.

    Wenden wir uns also Dingen zu, die den Aufwand und alle Aufmerksamkeit wert sind. Verraten wir uns jeden Tag ein bißchen weniger – wenn wir nicht sofort widersprechen können. Und keine Ersatzhandlungen mehr!

  2. Frau Schmidt sagt:

    Wie Du weißt hilft es wenig wenn Du da bist, wo immer Du bist – selbst wenn Du hier wärest und ich da oder umgekehrt oder alles gleichzeitig.
    Mein Hunger nach Ersatzhandlungen ist auch gestillt. Es gibt jedoch Tage oder Momente, wo es sein muß.
    Nachdem die Wogen der Freude sich geglättet haben, wird nüchtern und sachlich Bilanz gezogen: Das Shirt geht zurück, denn was schön und frühlingshaft im Kaufhausschein aussah, hält im Alltagslicht nicht stand – der Fisch war lecker und ein Artgenosse von ihm wird sicherlich Gelegenheit bekommen, auf meinem Teller zu landen zu gegebener Zeit – und flüssige Seelentröster sind nicht zu verachten.
    Also die Ersatzhandlungen, die von innen her wohl tun und den Gaumen kitzeln, sind willkommene und treue Begleiter.
    Fremdbestimmte Taten, auch Missetaten, werden mir wohl erstmal nicht erspart bleiben. Da die selbstbestimmten mir kein Essen auf den Tisch zaubern. Und die Wahrscheinlichkeit, daß sie es je tun, äußerst gering ist.

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