Gefühlsecht

Es war mal wieder an der Zeit, ein halbes Jahr war vergangen, also fuhr ich zu meinem Vater.

Ich will nicht lang über ihn schreiben, denn sein Gesundheitszustand wird nicht besser sondern schlechter. Er ist seit März total bettlägerig. Und da er gar nichts mehr macht, außer sehr selten wenige Worte wie Ja oder Nein von sich zu geben, weiß keiner was in ihm vorgeht. Dank einer Spezialmatratze ist sein Körper nicht wundgelegen. Die meiste Zeit schläft er oder döst vor sich hin, im Wechsel mit unruhigen Phasen, in denen die Augen etwas wirr umher irren und irgendetwas anzustarren scheinen, wenngleich er ja zu über 90 Prozent nichts mehr sieht. Im Schlaf ist der Mund offen, die Wangen sind sehr eingefallen, der Atem ist flach – und sein Gesicht hat die Züge einer Totenmaske. Für mein Empfinden ist das nicht erschreckend.

Aber seine Frau reagiert stets mit Weinkrämpfen wenn sie ihn so sieht – und da sie ihn im Gegensatz zu mir jeden Tag so sieht, scheint sie sehr viel zu weinen. Zumindest wenn man ihren Worten Glauben schenkt. Das Weinen stellt sich quasi automatisch ein, auch wenn sie mit anderen über ihn redet beziehungsweise darüber, wie schrecklich alles ist und was für eine Strafe für ihn und für sie, die keiner verdient hat wie sie meint.

Ich maße mir kein Urteil an, habe aber meine eigenen Theorien.

Wenn ich am Bett bei ihm stand, musste ich nicht weinen. Weder vor Traurigkeit noch Schmerz oder sonstwas. In ihrer Sichtweise bin ich wohl ein gefühlskaltes Ding, zumal ich ja die leibliche Tochter bin, denn selbst ihre Töchter und Enkelkinder, die nicht von ihm sind, haben Tränen in den Augen wenn sie den Stiefvater respektive Opa so sehen.

Es gibt Tage, da beschäftigt mich das Thema sehr und ich ärgere mich darüber, dass sie bewusst und absichtlich mir erzählt, wie die ihrigen sich kümmern und wie sie weinen. Auch an diesem Wochenende nahm ich sehr wohl im Augenwinkel wahr, wie sie mich beobachtete wenn ich bei ihm war. Wohl in der Hoffnung, mich doch beim Weinen zu erwischen oder eben nicht, um ihr Bild von mir bestätigt zu bekommen.

An diesem Wochenende war ich sehr entspannt innerlich, wenngleich ich schon mit der Frage anreiste, was mich wohl erwartet und ich auf das Schlimmste gefasst war. Ich kümmerte mich um ihn mit Dingen die ich tun konnte, redete mit ihm und ging meinen Empfindungen im Herzen und meinen Gedanken nach.
Mir wurde bewusst, dass obwohl ich mich als eine sehr emotionale Person empfinde, meine Art der Gefühle anders sind als die, die gemeinhin von Familienangehörigen gepflegt werden. Ich sah eine tiefe Kluft. Das emotionale Schauspiel der Familiendarsteller ist stets parat: reagiert auf Abruf, Zuruf, Kommando – Hop-Hop.

Meine Gefühle sind ein fester Teil von mir, der nicht immer sichtbar ist, aber ohne weiteres unvermittelt ausbrechen kann. Manchmal auch zu meiner eigenen Überraschung.
Zugleich denke ich, dass mit diesen emotionalen Empfindungen Werte verknüpft sind. Meine Werte sind sehr verschieden von denen der Familie und deren Schauspiel.

Was habe ich gefühlt? Schwer zu umschreiben. Zumindest keine vordergründige Seifenoper mit Tränen ohne Ende.
Es tat mir in der Seele weh, ihn so zu sehen. Und dennoch waren da Gedanken in mir, die mir klar machten, dass ich keine Ahnung habe was in ihm vorgeht. Dass ich es nicht nach meinen Maßstäben beurteilen kann, selbst wenn natürlich mein sogenannter gesunder Menschenverstand mir sagt, dass das was er da lebt eben kein Leben mehr ist. Von der Belastung für andere mal ganz abgesehen, die spielt dabei keine Rolle. Allein sein Leben betrachtet hat in keinster Weise mehr etwas mit dem zu tun was es mal war. Doch wenn ich ehrlich bin … was war es denn mal?

Es gab eine Zeit, da war es ein Leben, SEIN Leben. Da hat er Entscheidungen gefällt, für sich, hat sich bemüht seine Träume zu realisieren und ist dafür auch mutige Wege gegangen. Irgendwann hörte er damit auf und resignierte. Dinge liefen schief, nicht so wie gedacht oder erhofft, wahrscheinlich gab es keinen Plan oder wenn, dann hat der anders ausgesehen als das was Realität bot. Und was an Leben blieb war Fernsehen, Bildzeitung, Bier, Schnaps, Grillparties, einige All-you-can-eat-Urlaube und irgendwelche Hobbies, die lieblos nur deshalb ausgeführt wurden, weil es eben dazu gehörte Super 8 Filme zu drehen oder Dias zu machen. Wirklich ernsthafte tiefe Interessen gab es nicht oder der Wunsch, sich selbst weiter zu entwickeln oder neues zu lernen. So betrachtet hatte das Leben schon lange vor der Krankheit aufgehört oder die Krankheit eingeladen.

Das sind meine nüchternen Betrachtungen, die sich nicht sehr gefühlvoll anhören, aber im Herzen mit jeder Menge Liebe und Respekt und Trauer empfunden werden.

 

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