Ausschalten

Schaltet endlich eure Handys aus – oder besser noch: Ab in die Tonne damit!

Diese technische Errungenschaft unserer Zeit ist die reinste Pest.
Tod bringend, krankheits- und ärgerniserregend. Die perfekte Ablenkung für Schwachmaten aller Altersgruppen und sozialer Schichten.

Ich war gestern etliche Stunden in der Stadt unterwegs. Das sagt man hier in Berlin so, mitten in der Stadt wohnend, wenn man in ein Einkaufszentrum oder sonstwie stark frequentierte Gegend fährt. Doch wie ich hörte, ist das auch im Ruhrpott und anderswo gebräuchlich.

Also ich bin im Bus unterwegs, dann in der belebten Schloßstraße in Kaufhäusern und Einzelhandelsgeschäften. Schon im öffentlichen Verkehrsmittel fällt auf, daß zweidrittel der Fahrgäste mit ihrem Handy beschäftigt sind, selbst wenn sie nicht telefonieren. Entweder starrt der Blick fast paranoid auf’s Display oder der Finger flippt über den Bildschirm des Smartphones. Keine Ahnung was die Leute da immer machen … aber heute sah ich dann einen jungen Mann ein Pixelspiel spielen, eine Frau durch irgendwelche Infos flippen wo lauter bunte Icons offensichtlich behilflich waren, sich zurecht zu finden. Wenn sie fand was sie nicht suchte wurde draufgeklickt und schwupps öffnete sich ein anderes Fenster. Aha, dachte ich, die Leute können echt nicht mehr ohne permanent Infotainment leben: Wetter, Rezepte, Spiele, Sport, ViP-Lifestyle … egal wo sie gehen und stehen.

Auf der Straße ging es weiter: junge Mütter, die ihre Bälger in den Buggies schoben, hatten nichts besseres zu tun als dabei auf’s Display zu starren und einen fast umzukarren. Mindestens jeder Zweite hatte die Hand samt Handy am Ohr und quatschte Blödsinn, der so wichtig war, daß man es nicht zu einem anderen Zeitpunkt erledigen könnte, geschweige denn in einer privateren Atmosphäre. Überall wird man damit gequält, die einseitigen Dialoge mit anhören zu müssen. Das nervt! Und wie!
Und dann im Laden an der Kasse mußte ich mir die Beine in den Bauch stehen, weil vorne die werte Kundin im fortgeschrittenen Alter während des Bezahlens nichts besseres zu tun hatte als zu telefonieren – ganz wichtiges Zeug – und einhändig dauert es dann schon mal um einiges länger, das Geld bis auf den letzten Cent rauszukramen und abzuzählen. Da ist Geduld gefragt, die ich kaum noch aufbringen kann. Ich wünschte, ich hätte den Mut passend dreiste Worte zu sagen oder meinen großen Freund bei mir, der sicherlich einen entsprechenden Kommentar parat gehabt hätte.

Ich frage mich, wie die Leute jemals ohne Handys leben konnten!? Oder wie sie leben würden, diesen unnützen und fragwürdigen Genuß kennend, wenn die Dinger plötzlich für immer weltweit ihren Nicht-Geist aufgeben?

Für diese Teile wird geklaut, ja mitunter zusammengeschlagen und gemordet, das eigene Leben gefährdet weil es während der Fahrt am Ohr hängt – ist also lebensgefährlich nicht nur wegen der kostenlosen Strahlungsfrequenz sondern auch noch weil es die Nutzer total verblödet und einfachste logische Dinge bei den Hand(y)habern außer Kraft setzt.

Fairerweise muß ich erwähnen, daß ich auch Zeuge einer anderen Begebenheit wurde. An der Bushaltestelle stand ein älteres Paar und plötzlich sackt der Mann zusammen. Erst dachte ich, die necken sich, aber dann begriff ich, daß die Frau ihn erschreckt ansah und immer etwas sagte. Er sackte derweil weiter in sich zusammen – ich hin, doch da lag er dann schon auf dem Boden und fasste sich ans Herz. Er war sanft zusammengesackt und dadurch, daß sie ihn stützte, nicht auf’s Pflaster geknallt. Er war bei Bewußtsein. Ich sagte zu ihr, daß sie die Feuerwehr oder den Notarzt rufen solle – denn ich bin ein Nichthandyuser. Sie sagte zwar Ja, aber tat nichts. Also griff nicht in die Handtasche um es herauszuholen … vielleicht hatte sie auch keins. Ein paar Teenies standen daneben und eine Frau, die dann die Feuerwehr anrief. Aber erst im zweiten Anlauf, denn sie wußte im ersten Moment nicht so recht wie das funktioniert. In solchen Fällen ist so ein Handy natürlich wertvoll und macht auch Sinn. Doch man sollte schon wissen wie man es bedienen muß, um eine bestimmte Nummer zu drücken.

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2 Responses to “Ausschalten”

  1. Admin sagt:

    Neulich im Park habe ich eine ganze Familie, Vater, Mutter und zwei Kinder gesehen. Beim Spazierengehen völlig autistisch versunken in ihre persönliche Verwicklung mit ihren strahlenden Gerätschaften. Kein Raum für Gespräche, kein Blick für die Natur – stattdessen nur Verstrahlung, Fixierung auf das Unwesentliche, Unbedeutende, auf E-Mails und SMS, die vielleicht im nächsten Augenblick kommen oder nicht. Um durch ein paar Klicks und affenähnlicher Handhabung vielleicht zur Erleuchtung (oder ersatzweise wenigstens Zerstreuung) zu kommen. Doch die Erleuchtung gibt’s nur im Werbespot. In Wirklichkeit sind die Strahlen unsichtbar und machen schlimmen Krebs.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Ja, genau so habe ich mir die globale Erleuchtung vorgestellt. Oder ist es eher die Visualisierung der globalen Verseuchung?
    In jedem Fall schön bunt, glatt, perfekt und dabei so subtil in Szene gesetzt, dass jeder es haben will.
    Volksverdummung funktioniert immer – nur die Mittel ändern sich.

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