Vergangenheitsbewältigung

Angeregt durch Scans alter Jugendbilder, die ChrisK. mir schickte, erinnerte ich mich an drei Diakästen, die ich beim letzten Besuch meines Vater mitnahm. Alle Fotos entstanden als ich zwischen elf und siebzehn Jahre alt war. Hauptsächlich Familienbilder von Geburtstagen, Weihnachten, Sylvester, Konfirmation … und die Urlaubsbilder natürlich.

Ich fühlte mich also angespornt die Dias rauszukramen und fing an sie einzuscannen.

Beim Betrachten der Fotos kam ein eigenartiges Gefühl in mir hoch, denn die Bilder waren sofort wieder vertraut, wenngleich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Ich merkte, daß ich mich zwar an verschiedene Events erinnern konnte, aber es stieg die Frage auf, ob ich mich daran erinnere weil sich das eigentliche Ereignis tatsächlich in meine Erinnerung gebrannt hatte oder ob es im Gedächtnis geblieben war wegen dieser Fotos. Wahrscheinlich eher deshalb weil sie damals permanent gezeigt wurden. Jeder Besucher mußte endlose Dia-Abende über sich ergehen lassen. Oder die Fotoabzüge in den Schuhkartons wurden rumgereicht und dazu immer wieder die gleichen Geschichten erzählt.

Ich erlebte es bei meinen Großeltern und auch in anderen Familien, daß die Menschen eigentlich nur von ihren Geschichten lebten und zehrten. Sie hatten sich eine Geschichte zusammengezimmert, die sie immer wieder als ihr Leben darboten.

Die Bilder erinnerten mich an einen Loriot Sketch, wo ein ahnungsloser Prominenter in eine Fernsehshow eingeladen wird mit dem Titel »Das war ihr Leben« und er sollte auf einige Fragen antworten, aber anstatt die Antworten abzuwarten, wurden als Überraschungscoup ständig Menschen hereingeholt, die entweder zu seiner Familie gehörten oder angeblich ehemalige Bekannte, Nachbarn und Freunde gewesen sein sollen und dann wurde von deren Leben erzählt… Und alle mussten sich freudetrunken um den Hals fallen, obwohl keiner verstand worum es geht und wer die anderen eigentlich sind … Das war ihr Leben …

Was war mein Leben? Eine Anreihung von Familienfesten und Urlauben, alles x-beliebig und austauschbar, selbst die Darsteller?

Im Gespräch mit ChrisK. wurde klar, dass all jene Dinge, die für einen selbst während der Kindheit und Jugend, während der Entwicklung wichtig waren, nicht auf Fotos gebannt wurden, nicht von den Eltern festgehalten wurden. Konnten sie auch nicht, denn sie waren meistens nicht dabei und hatten keinen Einblick in den persönlichen Kosmos ihrer Kinder. Aber es sind eben genau diese Erlebnisse und die Dinge die einen umgaben, die ihre Bedeutung hatten und tief in der Erinnerung drin sind. Das ergibt ein ganz anderes Bild.

Und mir fiel auch auf, dass meine Erinnerungen an das Konstrukt der Familie geschönt sind, denn bei genauer Betrachtung der Bilder sagen die Gesichter mit ihrem Ausdruck mehr als Worte.

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3 Responses to “Vergangenheitsbewältigung”

  1. Chris K. sagt:

    Sehr gut gefallen mir die Familienfotos mit den durchleuchtenden Tapeten- und Furniergesichtern, die mit den Wolken dagegen nicht so. Eine sehr schöne Idee: Ein nichtssagendes Dekor ersetzt einen richtigen Menschen mit einem normalen oder echten, authentischen Gesichtsausdruck. Wievel Authentizität verträgt ein gestelltes Bild (da denke ich an das Dir gegenüber angesprochene Schielfoto)?
    Will man mit derartigigen Bildern nicht nur seine Beteiligung am Gesellschaftsleben dokumentieren oder „me too“-Erlebnisse suggerieren: Wir feiern auch Weihnachten und Karneval! Wir hatten damals schon moderne Möbel. Wir waren schon immer modisch. Wir gehörten schon immer dazu, auch wenn von uns bisher nichts zu sehen war.

    Gerade bei der Wohnraumgestaltung fallen mir verschiedene Elemente auf, ohne die es in den 60er Jahren nicht ging:
    Das Fensterblatt oder ein Gummibaum war quasi Pflicht und hatte irgendwo in der Wohnung herumzustehen.
    Ebenso Schnittblumen: Ganz offensichtlich gab es damals nur Nelken in den Blumenläden zu kaufen – vielleicht noch Gladiolen.
    Die Möbel sind typisch; der halbhohe Wohnzimmerschrank, der Tisch mit schrägen Beinen, Cocktailsessel und sogar die mit PVC-bezogenen Küchenstühle mit den verchromten Eisenrohrbeinen (Stahlrohr wird’s nicht gewesen sein, weil die ziemlich schnell zu rosten anfingen). Ebenso ein Knaller: Der Frisiertisch im Schlafzimmer.

    Ich bin unfair, nach dem zweiten Weltkrieg hatten die Leute vorwiegend in den Städten nichts mehr, waren ausgebombt oder vertrieben oder wollten ihre Erinnerungen an die dunklen Jahre auslöschen und haben alles weggeworfen. Und dann haben alle in den ersten Nachkriegsjahren eben dasselbe gekauft. Durchaus so, wie heute genauso alle bedenkenlos dasselbe kaufen. Und so werden sich auch heutige Kinderfotos irgendwann gleichen. Völlig irrelevant in welcher Ikea-Kulisse die Bilder zu den immer gleichen nichtssagenden Events, ganz sicher auch heute noch mit der Kapitulation im Blick wegen des „Lach doch mal!“ oder „Sag mal: Cheese!“ aufgenommen werden.

    Warum Eltern das tun? Um ihre Pflicht und Schuldigkeit zu tun? Unsereins an die Gesellschaft und deren fragwürdige Rituale heranzuführen und uns darauf einzustimmen, dieselben Bilder irgendwann von unseren Kindern zu schießen. Quasi als Stafette des Irrsinns. Als Beweisfotos zur Beteiligung an Scheinwelt und Konformität.

    Hier nochmal das Loriot-Video:
    http://www.youtube.com/watch?v=JHL4irvqig4

  2. Frau Schmidt sagt:

    Mit den Erinnerungen ist das ja so eine Sache …
    Da habe ich mich mit dem Loriot Sketch auch ziemlich verhauen in der Schilderung, wie man sehen kann – dennoch sehr witzig allemal und zeitlos typisch für die Medienzeit.
    Danke für’s recherchieren.

  3. alma elektriska sagt:

    Just a smiling visitant here to share the love (:, btw great design .

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