Jahrmarkt der Geschmacklosigkeiten

Es war mal wieder ein Sonntag mit Kontrastprogramm.
Als erstes ein Frühstück im Café mit der Freundin im Schöneberger Kiez. Bei schönem Wetter sitzt man draußen, sieht und wird gesehen. Buntes Volk kommt und geht und geht vorüber.

Auffallend viele junge hippe Familien mit Nachwüchslingen.
Und Best Ager.
Jedenfalls – egal welchen Alters –  waren es solche, denen es gut geht und die einen sorgenfreien Eindruck machen und ihr Frühstücksbrötchen mit Messer und Gabel essen.
Ob es ihnen wirklich gut geht, also so aus tiefster Seele heraus, vermag ich nicht zu sagen – aber zumindest gibt man sich so.

Klar, meine Sorgen sind mir auch nicht unbedingt auf die Stirn gebrannt und ich tummelte mich am Vormittag zwischen diesen illustren Menschen und ließ es mir auch gut gehen.
Aber von mir weiß ich, dass ich mir höchstens zwei- oder dreimal im Jahr sonntags ein Frühstück im Café leiste. Und ich weiß von mir auch, dass ich mir Gedanken mache, dass ich über Dinge eigenständig nachdenke, reflektiere und mir nicht bedingungslos alles reinziehe. Ob das beim angesagten Publikum auch so ist, wage ich oftmals zu bezweifeln. Jene kritisieren nur was allgemein kritisiert wird, und vertreten, was gerade angesagt ist… dies lassen zumindest die ungewollt mitangehörten Gespräche vermuten. Es ist eklig und langweilig.

Danach ging es zum Trödelmarkt. Der Trödel war aber Ramsch, Abfall, zusammengetragen aus den Wohnungsauflösungen der letzten 50 Jahre. Lieblos in Kartons und Kisten geschaufelt und genau so hingestellt. Einige Tische präsentierten ihren Ramsch und Kitsch „liebevoll“…

Es war ein Sammelsurium an Geschmacklosigkeiten.
Wobei es nicht mal Freude machte in dem alten Kram zu wühlen – und ich wühle gerne, z.B. in alten Büchern. Aber wenn die aussehen, als wenn sie nicht nur mit Kaffee sondern auch anderen Flüssigkeiten in Berührung kamen, vergeht einem das Wühlen. Erst recht das Bedürfnis eines zu erwerben. Nichtmal für 1 Euro.

Ansonsten gab es Anhäufungen jeglichen Haushaltskitschs, den man sich nur ausmalen kann.
 Neben der Frage, warum eigentlich all dieser sinnlose Mist jemals produziert wurde, kam auch das Unverständnis hoch, warum die Leute das wenige Sinnvolle so lieblos behandeln. Aber das wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben.

Fast schlimmer noch als die Ware, die keine war, waren die Menschen vor Ort. Ausgeburten an Geschmacklosigkeit in ihrer Art zu reden, zu gestikulieren, sich zu produzieren, sich darzustellen, in ihrer Kleidung, ihrem Habitus. Eine himmelschreiende Würdelosigkeit, die hier auf Erden sich breit gemacht hat. Mir ist klar, dass es schwer ist Würde zu bewahren, wenn man kaum Geld in der Tasche hat.
Aber es gibt Menschen die das schaffen. Ich hatte solche vereinzelt im Laufe der Jahre kennengelernt.
Was ich jedoch auf diesem Jahrmarkt sah waren Menschen, die offenen Auges, aber nicht sehend, sich die Würdelosigkeit als Aushängeschild wählen und darauf auch noch stolz sind.

Ich verkürzte meinen Rundgang schleunigst und war froh, als ich dem Treiben den Rücken kehren konnte.

 

 

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