Einsamkeit

Während eines Telefonats mit Herrn K. vor einigen Tagen sprachen wir über den Film »Requiem for a dream«, den ich mir kürzlich erst vollständig ansah. Beim ersten Mal war er mir zu heftig, ich mußte abbrechen, denn es geht an die Substanz. Doch an dem Abend als ich den Film komplett ansah, war es perfekt: Ich fühlte mich einsam und mir war bewußt, daß dieser Film mein Gefühl nicht zukleistern oder übertünchen würde. Was er auch nicht tat und dafür bin ich ihm dankbar.

Die Bilder, die Geschichten, bewegten mich sehr und ich heulte Rotz und Wasser. Als Quintessenz kam für mich die unendliche Einsamkeit der Menschen, des Menschseins, rüber. Für kurze Augenblicke kann jemand diese Einsamkeit überwinden, wenn er einen Traum hat und diesen mit anderen teilen kann. Aber in der Filmgeschichte werden, wie im Leben, Träume begraben und übrig bleiben lebende Tote, deren Einsamkeit einem beim Zusehen durch Mark und Bein geht.

Durch das Reden über den Film kamen die Bilder, die so viel zeitgeisttypisches, so viel Irrsinn und eben auch amerikanisches haben, nochmal deutlich hoch und ich erinnerte mich an Begegnungen, die ich in Amerika hatte. Mitte der 80iger Jahre war ich für fast zwei Jahre dort. Noch relativ jung probierte ich mich in einer Glaubensgemeinschaft aus und suchte mein Glück in einem Leben mit Gott und Verzicht. Unsere Gruppe besaß nichts außer jeder ein paar Klamotten, wir lebten von Almosen und Essensspenden und wohnten oft für Tage oder Wochen bei Gemeindemitgliedern. Im Gegenzug leisteten wir für sie Fürbitte und versuchten, sie näher an Gott heranzuführen – weil wir überzeugt waren, daß wir den besseren Draht nach oben hatten. Wir agierten überkonfessionell und kamen mit den verschiedensten Glaubensrichtungen in Kontakt. Durch diese Lebensweise begegnete ich den unterschiedlichsten Menschen und lernte deren Lebensumstände kennen.

Zwei sehr nachhaltig wirkende Begegnungen kamen mir wieder in Erinnerung.
 Als ich 1986 in Chicago eintraf waren meine ersten Übernachtungen bei einer Witwe in einem Vorort. Die Lady war wohl über sechzig – aus meiner damaligen Sicht eine alte Dame. Beim Betreten ihres Hauses – einem L-förmigen Flachbungalow aus den 50iger Jahren – dachte ich, ich sei in einem Film gelandet. Sämtliches Inventar, Mobiliar und Inneneinbauten waren original erhalten und wirkten wie Heiligenschreine. Passend dazu war ihre Kleidung und ihr MakeUp. Für mich war alles fremd, befremdlich und zugleich faszinierend.

Je länger ich in USA lebte um so deutlicher wurde es für mich, daß das die Normalität für viele gut situierte Kreise ist, die in ihren Häusern in den Vororten wohnen. Diese Menschen hatten sich etwas aufgebaut, geleistet und an irgendeinem Punkt sind sie stehen geblieben. In ihrer Jugend 
oder einem Zustand von Zufriedenheit und dies spiegelte sich in ihrer erstarrten Erscheinung wieder durch Frisur, Kleidung, MakeUp, Wohnstil… Ein Leben – eher eine Vegetation – ohne Reflexion, ohne Veränderung.

Das zu sehen signalisierte schon damals für mich die enorme Einsamkeit und Hilflosigkeit der Menschen. Das unsagbar traurige daran ist für mich, daß diese gealterten Personen in ihrem Inneren nicht lebendig geblieben sind. Sie versuchten nur verzweifelt eine Fassade aufrecht zu erhalten, hinter der schon seit langer Zeit Totentanz herrschte.

Bei einer anderen alten Dame wohnte ich in einem riesigen Haus weit außerhalb der Stadt. Schon die einsame Umgebung hatte für mich etwas gespenstisches, erdrückendes, verstärkt durch die stickigen, schwülheißen Sommertage. Diese Frau tat den ganzen langen Tag nichts weiter als vor dem Fernseher sitzen… der lief immer… im untersten Geschoß in einem riesigen, dunklen Raum, eine Art Wohnzimmer, eher eine Leichenhalle. Es bestand auch kaum die Möglichkeit mit ihr zu reden. Der Fernseher bestimmte ihr Leben und war wohl als einzigster übrig geblieben.

Die Einsamkeit mit anzusehen bedrückte mich und ich fühlte mich machtlos. Ein freundliches Wort, ein Lächeln, ein Gebet – mehr konnte ich nicht geben.

Durch die enorme Weite und riesigen Entfernungen in Amerika ist es schwer soziale Kontakte zu halten, wenn die Leute nicht motorisiert sind. Ich wollte in Chicago zu einem Buchladen, der lag vier Blocks entfernt. Ich dachte an die Häuserblocks in Berlin, an die Strecken von einer Querstraße zur nächsten. Das war ein Trugschluß. Mehr als eine Stunde brauchte ich und dann wieder zurück, bei eisiger Kälte. Öffentliche Verkehrsmittel findet man in Downtown – in Randbezirken, wo ja primär gewohnt wird, sieht es mager damit aus. Du mußt dort als alter Mensch mobil sein und ein Vehikel haben, sonst bist du angeschmiert. Oder du bist auf Nachbarn angewiesen – wie die aussehen, war in dem Film zu erleben…

Einsamkeit ist ein Thema, das mich schon immer bewegte, fesselte und ständig zugegen ist in meinem eigenen Leben.
 Persönlich denke ich, daß es da keine Lösung gibt. Denn selbst wenn ich mit jemandem sehr nah bin – sei es körperlich oder geistig – so bin ich doch irgendwann wieder alleine mit mir. Folglich ist es das Wichtigste, eine ausfüllende, erfüllende, belebende Basis in sich zu haben, damit diese Einsamkeit einen nicht auffrißt. Für mich ist es die Malerei und das Zeichnen. Der kreative Schaffensprozeß bringt mich ganz nah an mich selbst heran, aber führt auch zu einer Verschmelzung mit der Umgebung, vielleicht dem Universum und Göttlichen, mit Zeit und Raum. Deshalb habe ich wohl auch keine wirkliche Angst vorm alleine leben, denn die Einsamkeit aufgrund innerer Leere oder gelebt mit einem anderen Menschen ist viel schlimmer.

Abschließend noch zwei Bilder mit Ausschnittdetails, die ich kürzlich malte, um meiner Einsamkeit zu entfliehen, aber durch den kreativen Prozeß bin ich auch ständig mit ihr konfrontiert. Muß mich mit ihr auseinandersetzen – und das fühlt sich richtig an.

 

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8 Responses to “Einsamkeit”

  1. Chris K. sagt:

    Befremdlich und zugleich faszinierend.

    Wie kommt es denn dazu dass man Stehenbleibt? Und was ist so befremdlich daran? Es ist allzu offensichtlich dass man dem offiziellen Diktat lebenslanger Konditionierung nicht entsprechen kann.
    Niemand kann ernstlich sein ganzes Leben lang jeden Mist mitmachen, sich für immer neue Dinge interessieren, sich zweimal jede Dekade neu ausstatten und neu einrichten. Im Kapitalismus ist das allerdings die einzig heilsbringende und ganz und gar notwendige Zauberformel: Konsum steigert das Wachstum (und das nicht nur in God’s own Country). Siehe auch http://www.subvers.de/?p=873

    Im Gegensatz zu Deinen Schilderungen der „Heiligenschreine“ habe ich gern authentische Menschen getroffen, die eigene Antworten auf das Leben denen von der Stange vorgezogen haben. Das war bisher eher selten der Fall – alle übrigen haben gern und mit Wonnen dem Zeitgeist hinterhergehechelt, Moden durchexerziert, die neuesten – von der NASA entwickelten – Produkte gekauft. Das ging mitunter soweit, dass Erbstücke mit Geschichte schon zu Lebzeiten auf den Müll geworfen wurden, nur um die übrigen Mitläufer durch einen vorgetäuschten Konsumorgasmus, in der Regel aus Plastik oder Preßholz, zu blenden und zu beeindrucken (gern auch auf Pump – das dient ebenfalls der Wachstumssteigerung).

    Intuitiv hast Du für Deinen Text genau die richtigen Motive gemalt: Einen Menschen und Pflanzen. Auf den Motiven sehe ich jedenfalls keinerlei Zivilisationsschnickschnack, kein Produkt oder neuestes Tool, ohne dass kein Mensch mehr weiterexistieren kann. Das Internet und alle Magazine, die Zeitungen und das TV sind jedoch voll davon: Von Anzeigen, Werbespots, product-placements und Produktbesprechungen. Von Produkten, die noch gar nicht am Markt erhältlich sind verspricht man sich fiebrig die allergroßartigsten Innovationen und Funktionen, die unser Leben so unermeßlich bereichern, dass man sich wundern muß wie unser Leben ohne diese Produkte, die es noch gar nicht gibt, so lange überhaupt funktionieren konnte. Die Wahrheit ist: Darum geht es gar nicht.

    Sowie wir uns für uns selbst zu interessieren beginnen und nicht mehr für Äußerlichkeiten oder Produkte, sind wir diesem System nicht mehr dienlich. Durch Konsumverzicht widersprichst Du dem System, rufst Irritationen und Befremden hervor weil Du an der großangelegten Simulation des Common Sense, oder besser noch der ideologisch geprägten Zivilitsationssimulation nicht mehr teilnimmst. Ganz automatisch interessiert man sich nicht mehr für Dich – worüber soll man sich mit Dir unterhalten? Du wirst zurückgeslassen und Du selbst läßt zurück. Das endet in Isolation und Einsamkeit, das bedeutet Alleinsein, ist aber ehrlich. Trotzdem trifft es uns unvorbereitet und nicht wenige ertränken diese Einsamkeit mit TV-Zerstreuung, Alkohol oder Tabletten. Denn darüber wird überhaupt nicht gesprochen: vom Alleinsein, vom Altwerden, vom Nicht-mehr-mithalten-können und -wollen, vom Widerspruch. Das ist der Betrug.

    Wie kommt es also dazu dass man Stehenbleibt? Der Mensch ist ein natürliches Wesen. Wie die Pflanzen aus dem zweiten Motiv durchleben wir Menschen denselben natürlichen Zyklus: Wachsen, Blühen, Reifen und Vergehen. Dass wir in unserer Blüte, die finanziellen Möglichkeiten vorausgesetzt – oder ersatzweiser Bonität, eben auch unserer Leben und unsere Umgebung gestalten, liegt doch auf der Hand. Die Zeit in der wir leben, in der wir scheinbar die Zügel halten prägt uns. Im Alter, wenn wir vergehen, in der uns alles aus den Händen gleitet, erinnern wir uns doch gern an die „Zeit unseres Lebens“ und zwar nicht nur mit Hilfe alter Fotos, sondern auch der Geschichten, die sich um die Möbel und Erbstücke ranken, die unser Leben ausgeschmückt haben.

    Mich befremdet dagegen eher der zügellose Materialismus, Innovations- und Produktzyklen im Minutentakt, die Verschwendungs- und Selbstsucht die unwiederbringliche Ressourcen für immer vergeudet. Mich befremden Menschen, die sich diese Fragen nicht stellen. Konsumschafe, die für Ihre grenzenlose Belang- und Gedankenlosigkeit auch noch bewundert werden wollen. Idioten, die statt einer Persönlichkeit nur ein schickes Outfit oder das neueste iPhone haben – worüber soll man sich mit denen unterhalten?

  2. Frau Schmidt sagt:

    Sch… – drücke ich mich denn so missverständlich aus? Mein Befremden hatte nichts, aber auch absolut nichts damit zu tun, dass Menschen seit Jahrzehnten ihre Möbel nicht gewechselt haben, nicht nach der neuesten Mode eingerichtet oder gekleidet waren.
    Ich erwähnte, in welchen Verhältnissen ich in der Zeit gelebt habe – und das aus bewusster Entscheidung. Mir lag persönlich nichts an materiellen Werten. Also werde ich das wohl kaum von anderen Menschen erwartet haben.
    Das Befremdliche war, dass ich zum einen sowas vorher noch nicht gesehen habe, zum anderen aber, dass eben alles tot war. Die Möbel, das Haus, das Inventar lebten nicht, auch die Menschen dadrin lebten nicht, nicht mal wenigstens in ihren Erinnerungen. Sie haben irgendwann völlig dicht gemacht – und ich bezweifle ob aus den Gründen, wie Du annimmst. Dazu kommt, dass sie angebliche Christen waren. Und ich hatte zu der Zeit eine andere Vorstellung davon was das heißt bzw. bedeutete es für mich etwas anderes.

    Wenn ich durch den Film oder meine persönlichen Eindrücke die Empfindungen habe, die ich eben habe wie Mitgefühl, Schmerz, Trauer – dann nicht, weil diese Menschen nicht im Zentrum des Irrsinns der Gesellschaft samt Konsum leben, sondern weil sie ihren eigenen Platz in ihrem persönlichen Leben nicht so verwirklichen konnten wie sie es sich wohl mal erträumt haben.

  3. Chris K. sagt:

    „… sondern weil sie ihren eigenen Platz in ihrem persönlichen Leben nicht so verwirklichen konnten wie sie es sich wohl mal erträumt haben.“

    Genau, da sind wir völlig einer Meinung! Kennst Du überhaupt irgendjemanden, der diesen Platz erreicht hat und bei sich selbst geblieben ist?

    Das ist doch der Betrug: Das Scheitern und der Niedergang ist uns vorbestimmt. Keiner redet davon, sondern alle schauen betreten und schweigend zu Boden wenn das Unvermeidliche endlich eintritt.

    Wieviele Menschen haben sich ihren „American Dream“ erfüllt? Und zwar nicht um der Preis der Selbstaufgabe. „You have to be asleep to believe in it!“ – George Carlin: http://www.youtube.com/watch?v=acLW1vFO-2Q

    • Frau Schmidt sagt:

      Persönlich kenne ich niemanden, auch wenn einige behaupten sie hätten in allen Lebensbereichen erreicht was sie wollten. Ich sehe dann doch Lücken – aber das hat wohl mit mir zu tun.
      Und ich denke, es ist eine Interpretationsfrage: was versteht der einzelne Mensch darunter, seinen Platz gefunden und sich selbst verwirklicht zu haben? Für viele ist es eben nur am matierellen Konsum orientiert oder das richtige Show-Off zu haben. Und klar, sie werden dahingehend konditioniert. Genau das ist die Tragik.

      Ich galube zwar nicht an einen „American, European, Asien, what ever Dream“, aber an einen persönlichen Traum den jeder Mensch haben und sich bewahren sollte.

      I’m a fuckin‘ dreamer…

    • Chris K. sagt:

      Guten Morgen, Du Träumerin,

      ich habe nachträglich einen Link zu meinem letzten Kommentar hinzugefügt – ich hatte ja das American-Dream-Zitat von George Carlin aus “Life Is Worth Losing” verwendet.

      Ansonsten tut es mir leid wegen der Aufregung. Ich habe niemals vermutet, dass Du die alten Damen wegen Ihrer Konsumverweigerung, ihrer Weltverleugnung und Ohnmacht herabgewürdigt hättest. Ich bin nur deshalb auf das Thema so eingestiegen, weil es mich selbst betrifft: Das Zurückbleiben, das Nicht-mehr-mitmachen-wollen, sich selbst noch wichtig zu nehmen, der grelle Konsumterror, der aus allen Medien entgegenschlägt und da draußen das permanente sich selbst unterbieten um das endgültige Scheitern immerhin noch drei Monate hinauszuziehen. Weil natürlich gewiß ist, dass in drei Monaten sich alles fundamental zum Guten wendet! ROFL – Solche Träume sind infantil, nicht mehr nachvollziehbar, realitätsfremd. Wie und um welchen Preis soll man denn in einer menschenverachtenden Welt erfolgreich sein?

      Ich hoffe Du verstehst was ich meine.

      • Frau Schmidt sagt:

        Das ist eine berechtigte Frage.

        Doch wie definiert jeder für sich Erfolg und erfolgreich sein? An den allgemeinen Maßstäben der Gesellschaft, der Welt? Oder an eigenen? Wie kommt man zu eigenen Maßstäben, wenn es nicht die Regel ist, dass man dahingehend erzogen wird überhaupt welche zu haben – und wenn dann bitte schön die die alle haben…
        Und meint man materiellen Erfolg oder Publicity Erfolg oder ist es schon Erfolg, wenn man Momente des Glücks und der Zufriedenheit hat? Erfolg durch eigene Erkenntnisse, Gedanken, persönliche Veränderungen und Höhenflüge oder kreative Erfolgserlebnisse?

        Wie immer: ein sehr komplexes Thema.

        Danke für den Link zu Herrn Carlin.

  4. Joice sagt:

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