Zeitschlaufe

Beim Durchsehen alten Schreibkrams fielen mir heute ein paar handgeschriebene Seiten in die Hand, von denen ich nicht mal mehr wußte, daß sie noch existieren. Auch den Inhalt hatte ich nicht mehr auf dem Schirm. Es ist so lange her…

Das überraschende daran ist, daß ich in diesem Text von 1972 über Dinge fabuliere, die mich vierzig Jahre später immer noch beschäftigen: Dunkelheit, Licht, Leere, Wahrheit, Realität vs. Irrationalität, Nähe, Mitmenschen, Freunde, Zeit…

Obwohl es kein besonders prosaischer Text ist, möchte ich ihn als Zeitdokument hier dennoch festhalten.

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Originalttext 1972 von A.G.

»Schlagzeile „Attentat auf Rudi Dutschke!“ – Ist ja nicht zu fassen, was sich alles so im Laufe der Zeit ansammelt. Vier Jahre ist das nun schon her… aber kein anderer als ich muß Zeitungen mit Bekenntnissen jener Zeit bis zur heutigen Minute in irgendeiner verstaubten Ecke rumliegen haben. Sieht verdammt groß aus der Berg und Lust habe ich auch keine, aber die Zeitungen haben ihren Zweck wohl erfüllt. Nun denn…
So beginnt meine Geschichte. Für dich, der du sie gerade liest, vielleicht ohne jede Bedeutung. Doch ist in mir der Drang, es dir mitzuteilen.

Eine verstaubte Ecke, ein Berg alter Zeitungen, eine Schlagzeile – das war der Anfang. Ich überdachte die Lage, faßte einen Entschluß und schon stand ich vor den fast berstenden Mülltonnen. Bleibt meinen Zeitungen da noch Hoffnung auf einen Platz für die letzte Ruhe?
Eine Mülltonne sieht genauso aus wie die andere – voll!
Waschmittelpakete – denn keines wäscht reiner! – und alle Katzen kaufen am liebsten Whyskas – oder vielleicht doch lieber Kitekat?
Ich entschied mich für Waschmittelpakete als Unterlage. Quetschte, stampfte und drückte alle Luftlöcher zusammen, die mir noch geblieben waren. Jedoch der Kampf war hoffnungslos. Kaum einen Zentimeter gab die Masse nach. So stand ich da nun in voller Größe mit intelligentem Haupt, langem Haar und keinem Allerweltsgesicht – verweilte vor den Mülltonnen, den Zeitungen, Waschmittelpaketen, Katzenfutterdosen…
All das zog mich unweigerlich in seinen Bann, mein Blick haftete sich daran wie an ein wunderschönes Foto. Mein Körper fühlte die Einheit mit der Umgebung, die Umgebung war ich. 
Was drückte diese Umgebung aus? Sie war Abladeplatz der Zivilisation. Triste, graue Eintönigkeit strahlte sie aus. Meine Augen starrten wie magnetisch angezogen auf eine Tonne. Kann eine Tonne soviel Ausstrahlungskraft besitzen?

Da – auf einmal begann die Tonne sich zu regen und schien mit ungeheurer Geschwindigkeit hinabzusausen. Ich sah keine Mülltonne mehr sondern es tat sich ein ins Unendliche gehender Schacht auf. Mein Blick wanderte den Schacht hinab, eilte, raste an den Seitenwänden entlang. Tiefer, dunkler, schwärzer, leerer…
In Sekundenschnelle wurde der Erddurchmesser überwunden, das Ende des unendlich scheinenden Schachtes tat sich auf. Meine Augen sahen das Ende, empfanden das Ende, verstanden das Ende – nicht.
Meine Augen verstanden das Ende, liebten das Ende. Mein Körper empfand das Ende. Das Ende war Leere und Weite. Mein Körper liebte Leere und Weite. Mein Körper liebte das Ende.
Das Ende war die Leere und Weite des Weltalls. Kann das Weltall ein Ende haben? Meine Augen sahen das Weltall ohne Ende.
 Meine Augen sahen keine Dunkelheit mehr. Meine Augen sahen Welten – Leben – Licht. 
Meine Augen sahen, mein Körper empfand – aber ich verstand nicht.

Wer bin ich? Ein Mensch. Männlich. Weiblich. Sächlich? – Jung und alt. – Gut und böse. – Ich bin wie ich bin. – Wie bin ich? – Ich höre mir zu, schaue mich an. – Ich höre Musik. In meinen Ohren, meinem Blut, meinem Gefühl. – Van der Graaf Generator – Richtung Westen – Mike and Suzie – Harmonie – Kampf – mein Ich – dein Ich – unser Selbst – Wo ist Westen? – Schöne Dinge, häßliche Dinge. – Fotos – Wer ist verrückt? Ich? Die Mülltonne? – Wieso? – Warum? – Psychologie – Politik – Malerei – Fotografie – Bücher – Schallplatten – Musik – Töne – Farben – Licht – Träume – Phantasie – Tee – Zeitungen – Comics – Warum sehe ich mehr als andere? – Gott? Nein. – Crumb – Janis Joplin – Frank Zappa – Pearls before Swine – Doors – Emmerson – Lovecraft – Bradbury – Nietzsche – Freud – Jung – Anything goes – Ich – Du – Er – Bewußtsein – Unterbewußtsein – Erweiterung – Rausch – mein Körper – Empfindungen – Liebe – Gefühl – Dunkelheit – Kälte – Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit kehrte zurück in mein Bewußtsein, raubte mir mein Erlebnis, meinen Traum einer anderen Wirklichkeit.
Was muß ich tun? Ich muß reden, jemandem dies mitteilen. Reden ist wichtig, alles andere hat Zeit – viel Zeit.
Oben saßen meine Freunde und ahnten von alledem nichts – oder doch? Sagten ihre Blicke mir nicht, daß sie etwas fühlten? Nein, kein Wissen, ein Hauch von Ahnung – vielleicht. Also redete ich, erzählte, schilderte die Faszination meines seltsamen Erlebnisses.
Können Freunde mich verstehen? Im Moment ist es egal, nur reden ist wichtig. Ohren, die hören sind wichtig.
 Ich fand Ohren, die genau und gut zuhörten.
Mein Geheimnis traf auch im Haus auf interessierte, neugierige Ohren, welche alles gierig in sich aufsogen, um es dann bei nächster Gelegenheit wieder auszuspucken. Auf verborgenen Wegen erreichte mein Geheimnis bald jeden und verstohlene Blicke trafen mich.
Unsicherheit überfiel mich, Zweifel nagte an meinem Wissen um eine neue Wahrheit. Konnte das alles wirklich gewesen sein? War es nicht vielleicht doch nur meine vom Weg abgekommene Psyche?
Ein zweiter Blick in die Mülltonne blieb ergebnislos. Sie blieb was sie war: eine Mülltonne. Und wurde kein Übermittler zur Erfüllung der Sehnsucht. So kam mein Inneres in Aufruhr und Unruhe, doch die Zeit nahm alles in die Hände.

Eines Tages war es dann Winter – ein richtiger Wintertag mit dem ersten Schnee. Der Himmel war verhangen und ein unheilverkündendes Grau gab der Erde einen schemenhaften Ausdruck. Melancholie schwängerte die Luft und legte sich auf die Menschen nieder. Der Wind brachte einen Hauch von Vorahnung…
In unserem Haus brach Unruhe aus, denn in einer Wohnung weinte eine Familie um ihren Sohn. Meine Ohren empfingen diese Nachricht wie im Halbschlaf – von weit her drangen die Stimmen an mein Ohr: ein Kind ist verschwunden! Ein Junge. Verschwunden – spurlos! Weiß keiner etwas von dem Kind? Von seinem letzten Weg, seinem Ziel?
Die Leute jedoch maßen der Sache nicht viel Bedeutung bei. Es war, zugegeben, recht mysteriös, aber kommen dergleichen Dinge nicht jeden Tag auf der ganzen Welt vor?
Die Zeit tat wieder ihre Pflicht und man gab das Suchen nach der Lösung auf und jeder schien zu vergessen, daß ein Kinderlachen weniger im Hof erschallte.

Nun ist Heute. Und heute habe ich alles noch einmal miterlebt. Der Lauf der Ereignisse zog wie ein Film vor meinen Augen vorüber. Durch einen kleinen Zeitungsbericht begannen die Erinnerungen mich zu überfluten. Mit wenigen Worten wurde dem Leser von einem rätselhaften Fund in Mexiko berichtet. Auf einer dortigen Müllkippe wurde ein europäischer Junge, bekleidet mit einem Wintermantel und in der rechten Hand eine Taschenlampe umklammernd, tot aufgefunden. Tot!

Wo bin ich? Wer bin ich? Erinnerungen – Empfindungen – Ahnungen – Wahrheit – Sehnsucht – Schacht – Ruhe – Dunkelheit – Licht…«

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Mir ist auch heute, in der Jetztzeit quasi, noch oft schwindlig vom Reinschauen in Schächte respektive Abgründe des Lebens samt menschlichen Agierens und Verhaltens. Das wird wohl auch nie aufhören – es sei denn die Zeitschlaufe zieht sich endgültig zu und nimmt mir für immer die Luft.

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5 Responses to “Zeitschlaufe”

  1. Karim sagt:

    Interessanter Post. Würde gern mehr Artikel zu dem Thema lesen. Freu mich auf die naechsten Posts.

  2. Florian sagt:

    Ahoi, ich bin mal so frei und poste was auf deiner Seite. Sieht super aus! Ich beschaeftige mich auch seit kurzem mit WordPress steige aber noch nicht durch alle Funktionen durch. Deine Seite ist mir da immer eine gute Anregung. Weitermachen!

  3. Ariadne sagt:

    this site is very nice.

  4. Aída sagt:

    thanks for posting this post. i would like to get more information on this.

    • Frau Schmidt sagt:

      @Aida
      Just look into your own deep black holes and check your surrounding.
      If nothing helps: there is still the world wide web ;)

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