Steinherz

Kennt ihr dieses langsam kriechende Gefühl, das sich allmählich von den Zehenspitzen herauf seinen Weg bahnt, den gesamten Körper erfassend? Eine eisige Kälte…

Ihr friert durch und durch von innen heraus. Es ist keine wetterbedingte Kälte, die euch durchdringt.
Ihr spürt sehr deutlich, daß es von innen hochkriecht.
Es ist keine Durchblutungsstörung, keine Krankheit.
Aber es kriecht hoch… langsam… tödlich.

Ihr zieht einen Pullover an und friert weiter.
Ihr zieht Socken an und friert weiter.
Die Heizung wird nicht höher gedreht wegen der Energiekosten und ihr wisst, es würde eh nichts nützen.

So geht das jeden Tag, egal welche Jahreszeit.
Abends wird es besonders schlimm. Es kriecht erbarmungslos in euch hoch und ihr fragt euch besorgt, was es ist, woher es kommt.
Ist es die allgemeine soziale Kälte, die nun auch euch erreicht?
Ihr wisst, es dauert nicht mehr lange, dann hat diese Kälte euer Herz erreicht…
Und dann? 
Seid ihr dann tot? 
Oder ist nur euer Herz kalt wie der restliche Körper?

Kann es nicht sogar von Vorteil sein, so ein kaltes Herz zu haben? 
Ein Herz aus Stein, wie es in dem Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff der Peter Munk vom Holländer Michel aufgequatscht bekommt…

So ein steinkaltes Herz bewahrt euch vor unnötigem Gefühlswust und törichter Sentimentalität oder gar Mitleid. So ein Steinherz läßt euch ganz bei euch selbst sein, was ja wichtig ist, denn ihr seid als Mittelpunkt eures Lebens wichtig. Bedenkenlos könnt ihr dann euren Weg gehen und nehmen, was euch gefällt. Eine beruhigende Gleichgültigkeit hat sich in eurem Leben breit gemacht.
Klar, in dem Märchen ist es der moralische Zeigefinger, der deutlich auf den richtigen, guten Weg weist – also Hände weg von den Überredungskünsten des Holländer Michel, Hände weg vom Stein anstelle des Herzens.

Aber wenn es erstmal da ist, das kalte Herz, was kümmert es euch dann???
Who cares anyhow?
Ihr jedenfalls nicht mehr – denn das ist das Gute an so einem Steinherzen: daß es nichts mehr spürt, auch nicht mehr die kriechende Kälte, die sich im Körper ausbreitet. Stattdessen könnt ihr euch alles nehmen, steinreich werden auf Kosten anderer und über Leichen gehen – denn es läßt euch selbstverständlich alles kalt.
Ihr seid nur noch Stein…

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3 Responses to “Steinherz”

  1. Chris K. sagt:

    „Über Leichen gehen“* – da habe ich mich ja durchaus wiedererkannt. Auch zum Thema „Veränderungen“* haben wir kürzlich erst telefoniert und da ich ja sonst auch gern alles persönlich nehme, dachte ich mittendrin dass der Text vielleicht an mich gerichtet sei.
    Herzlosigkeit ist manchmal einfach nur Überlebenstrategie gegen Geistlosigkeit, gegen Lebensunfähigkeit und Lautsprechertum. Durchaus auch gegen sich selbst sind Herzlosigkeiten manchmal angebracht.

    Am Ende des Textes stellte sich aber heraus, dass glücklicherweise die anderen gemeint sind. Es sind ja immer die anderen.
    Und darum ändert sich auch nichts. Man muß schon selbst den ersten Stein werfen – soll heißen den ersten Schritt tun und dann möglichst in Bewegung bleiben.

    Der vielbesungene Idealzustand „wir haben uns alle lieb“ ist doch nur Gutmenschpropaganda. Das ist von keinem ernstlich so gemeint. Gegen die Kälte in der Welt hilft nur Feuer.

    P.S.: Deine Illustrationen erinnern mich an die Cover von Dave McKean (http://www.mckean-art.co.uk/) der frühen Sandman-Reihe von Neil Gaiman. Schön!

    *aus den Keywords

    • Frau Schmidt sagt:

      Es ist nie verkehrt, bei sich zuerst zu schauen. Und richtig: wenn man das nicht tut und entsprechend handelt, verändert sich eben auch nichts. Leider kenne ich sehr wenige Menschen, die wirklich bereit sind auf sich selbst zu schauen, geschweige denn noch als erstes… Vielleicht irgendwann mal, wenn quasi kein anderer übrig bleibt.
      Wie Du ja von mir weißt, tendiere ich allerdings überempfindlich in die Richtung alles und jedes auf mich zu beziehen, meinen Part drin zu sehen und das mündet eben auch ständig darin, mir alle möglichen – vor allem unmöglichen – Schuhe anzuziehen. Von daher weiß ich genau wie sich das anfühlt, einen Text zu lesen und zu denken: Oh, das geht gegen mich…
      Doch soweit solltest Du mich kennen: ich würde sowas Dir entweder direkt sagen oder Dich anschreiben.

      In diesem Text wollte ich einfach mal weg davon immer in Ich-Form zu schreiben, immer nur selbst als empfindliches Psychopflänzchen dazustehen. Sondern die geneigten Leser auffordern Stellung zu beziehen. Wollte wissen, ob jemand es nachvollziehen kann oder ähnliches kennt.
      Und wie ich Dir vor kurzem schrieb, grübelte ich über die Möglichkeit nach wie es wohl ist, tatsächlich mal völlig Gleichgültig durchs Leben zu gehen. So als Kontrastprogramm. Dabei fiel mir das Märchen ein und ich dachte: Das ist es – so ein Steinherz macht das möglich.
      Generell erscheinen mir gesellschaftliche Entwicklungen und auch die im sozialen, persönlichen Umfeld von dieser Kälte geprägt zu sein seit einigen Jahren. Es ist sehr komplex – ich wollte es hier in diesem Beitrag nur als Metapher anreißen.

      Danke für den Link zu Dave McKean – ich kannte ihn ehrlich gesagt nicht, muss ich zu meiner Schande gestehen.

    • Frau Schmidt sagt:

      Ich vergaß: mein Beitrag ist kein Gejammer, dass die Menschen sich nicht alle lieb haben und sollte auch kein Ansporn sein, dieses zu tun. Das liegt mir fern.

      Ich habe nicht jeden lieb und will es auch nicht – und mich haben und sollen auch nicht alle lieb haben.

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