Urbanes Leben

Mitten in Berlin. Auf dem Tempelhofer Feld, dem riesigen Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof, das nach der Schließung mit viel HickHack erst Monate später der Öffentlichkeit feierlich zur Nutzung übergeben wurde. Freilich einer kontrollierten Benutzung, welcher mit Sonnenuntergang der Garaus gemacht wird.

Heute, bei wunderschönstem Sonnenwetter, bin ich nach einigen Monaten mal wieder dagewesen. Und war überrascht, was sich dort inzwischen getan hat.

Eigentlich schwebte mir ein Beitrag über biometrisch vermessene Gesichter vor. Da ich nun endlich meinen Ausweis machen lassen muß, der seit zwei Jahren abgelaufen ist, kam ich nicht drumrum auch mein Gesicht vermessen zu lassen. Ein Automatenbild reicht für den Zweck und die Onkelstimme im Off gab mir klare Anweisungen – es konnte also nichts schief gehen. Später gingen mir viele Gedanken zum Thema Vermessen, Kategorisieren, Einordnen, Schablonisieren und so weiter durch den Kopf. Auch und besonders im Hinblick auf den Aspekt, wie wir Menschen uns gegenseitig einordnen, zuordnen, in Schubladen packen oder abstempeln. Das passiert immer wieder, leider. Besonders wenn ein Aspekt am Gegenüber nicht gemocht wird oder nicht konform geht mit der Vorstellung, die man von demjenigen hatte, ist dieses Schubladendenken und Abstempeln besonders beliebt.

Ich sinierte also darüber und sah, aus dem Fenster schauend, einen spektakulären Wolkenhimmel. Der regte mich an, zum Tempelhofer Feld – auch Tempelhofer Freiheit genannt – zu fahren. Denn mitten in Berlin ist dies wahrlich ein wunderbarer Ort, um die Weite des Himmels zu genießen und auf sich wirken zu lassen. Ich wollte Fotos vom Himmel und den Wolken machen – als Kontrast zum Vermessen und Schablonendenken die ständige Veränderung einfangen.

Als ich dort war, hatten sich die Wolken aber fast verzogen und ein prächtiges Blau strahlte mir entgegen. Im ersten Moment enttäuscht, wurde ich aber doch schnell gefangen genommen von den vielen Eindrücken, die sich mir boten:  Es offenbarte sich ein Bild von einer gelebten Freiheit – klar, nur einer Scheinfreiheit – dennoch sehr authentisch. Ein Gefühl und eine Stimmung, die ich schon immer an Berlin liebte, auch als diese noch die geteilte Stadt war, wo ja eigentlich räumlich gesehen kein Gefühl von Freiheit da sein konnte. Es war dennoch da, denn die Menschen hier lebten stets nach ihrer Façon im Sinne des Alten Fritz.

Heute sah ich auf diesem Feld Menschen aller Altersgruppen, mit unterschiedlich sozialem Hintergrund, die ihrem Verständnis von Aktivität nachgingen. Da waren die Skyte-Surfer, Land-Windsurfer, Skater, Radler, Jogger und so weiter.
Das Gelände ist in verschiedenste Nutzungszonen eingeteilt, die wahrscheinlich vom Bezirk festgelegt wurden, aber auch in Kooperation mit Initiativen entwickelt wurden. Wie z.B. der mobile Garten, wo jeder der mitmachen will sich in Kisten mit Erde seine eigenen Gemüse und Kräuter ziehen kann. Eine bizarre Ansammlung und ein Sammelsurium an alten, ausrangierten Kisten, Holzmöbeln, Latten erscheinen fast wie eine kleine Siedlung. An anderer Stelle sind „Kunstwerke“ entstanden aus alten Balken, Ästen, Stoffresten, Holzskulpturen, Steinen…

Der Eindruck, der sich mir bot, war ein anarchischer, vielfältiger, bunter, lebensfroher und sehr kreativer. Und es scheint zu funktionieren.
Noch.
Denn von Seiten des Landes Berlin werden schon seit längerem fleißig Wettbewerbe ausgeschrieben, um Ideen für eine bürgernahe Nutzung zusammen zu tragen. Man hat da schöngeistige Vorstellungen, die natürlich einige Millionen Steuergelder in der Umsetzung kosten würden. Und übersieht völlig, daß das Areal bereits bürgernah genutzt wird, gestaltet ist und funktioniert. Mehr will der Bürger nicht und mehr braucht es nicht. Wenn das Land Berlin nun noch das Geld im Jahr aufbringt, um das Gelände in Stand zu halten, dann wäre allen gedient.

www.tempelhofer-park.de/lage-map/
www.tempelhoferfreiheit.de/
www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/tempelhof/

Fotos: © A. Schmidt

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