Abstrakte Realität

Eine Reise kann uns wieder in Kontakt bringen zu uns selbst und unseren ureigensten Wünschen und Sehnsüchten – den Dingen, die uns zufrieden und glücklich sein lassen. Es ist eine Möglichkeit in sich hineinzuhören. Und das geht meist leichter und besser, wenn die gewohnten Dinge mit ihrer Penetranz für etliche hundert Kilometer in die Ferne gerückt sind.

Vor zwei Wochen hatte ich die Gelegenheit, nach langer Zeit alleine für eine Woche wegzufahren, ans Meer. Wind, Meeresrauschen, Strand, Gischt, Wellen, Sonne, Wolken, Mond und Sterne zum Greifen nah. Sie halfen mir in einen anderen Gemütszustand zu finden, machten die Dinge leichter, auch wenn zeitweilig gegen die steife Brise angekämpft werden mußte.

Die Nähe zur Natur und den Elementen bringt mich immer auch näher an mich selbst heran. Und dann ist es mir stets ein Bedürfnis zu zeichnen und zu malen. Dies ist meine Art, mich mitzuteilen und eins zu sein mit dem Erlebten, dem Gesehenen, dem Gefühlten.

Alltägliche Zwänge meines Lebens verdrängen dieses Bedürfnis meist. Ich hatte bisher auch nicht den Mut, tatsächlich nur dem nachzugehen, sondern wählte den Mittelweg, der mir Gelegenheit gab mit gewerblicher Kreativität Geld zu verdienen.

Meine Woche am Meer hat mich wieder in Kontakt gebracht mit der anderen Seite der Kreativität, die sich gerne analog, direkt und unmittelbar ausdrückt. Den Stift und das Papier zu fühlen, den mit Wasserfarbe getränkten Pinsel auf dem strukturierten Aquarellpapier zu führen – das sind sinnliche Erlebnisse, die der Computer, der virtuelle Raum nicht bieten kann. Der Rechner bemüht sich um eine Simulation, die zugegebenermaßen oftmals trügerisch schön erscheint, weil so herrlich makellos und perfekt. Aber eben doch zu glatt, zu schön, zu perfekt und damit auf Dauer langweilig. Wie alles im Leben, das nicht erarbeitet, erkämpft, errungen ist und dadurch zur Schönheit und Vollendung kam.

Der analoge Prozeß zeigt mir, daß das Zeichnen und Malen der kreative Kampf ist, eine Formensprache zu finden für das was gesehen und wahrgenommen wird. Egal ob das Ergebnis abstrakt oder gegenständlich ist, letztendlich ist alles ohnehin abstrakt, denn es ist nur zweidimensional auf einem Blatt und erlangt bestenfalls Leben durch gute Farbharmonie oder Strukturen und Formen. Und genau das ist die Faszination: es hat plötzlich ein Eigenleben. Es ist nicht wichtig, daß jeder Strich, jede Farbnuance exakt dem Original gleicht. Wichtig ist meine Wahrnehmung zu bannen und lebendig zu machen. Das glückt keinesfalls immer, noch nicht mal oft – aber der Prozeß des Schaffens allein macht glücklich.

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2 Responses to “Abstrakte Realität”

  1. admin sagt:

    Das was Du gemalt hast ist viel poetischer als die Realität. Ich brauche für meine Poesie momentan noch zuviel Technik. Auf meinem Weg zurück ins Analoge bin ich bereits in Gedanken; mein Schöpfungswille hält noch an der Technik, an Stromkunst und Akkumulatoren fest. Stromkunst dient nur der Überhöhung halbfertiger Ideen und Gedanken. Wenn die Gedanken rein sind können sie analog perfekt illustriert und dargestellt werden. Es ist ein bißchen Zen. Es ist Zen. Jedenfalls ist es das was ich spüre. Es ist das, was auf uns zurückkommt. Es sind die Elemente, die plötzlich schwingen und uns an das erinnern was wir sind.

  2. Frau Schmidt sagt:

    Abgesehen davon, daß Deine Worte exakt stimmen, so muß ich doch sagen, daß die Realität dieser einen Woche sehr poetisch war – und das konnte ich nicht bannen.

    Interessanterweise zeigen die Ausschitte des Aquarells, welches eingescannt ist, erst in der Vergrößerung die Poesie. Das entdeckte ich durch die Technik – von daher bin ich froh über diese Möglichkeit und denke, daß man damit eine wunderbare Symbiose eingehen kann.
    Es ist paradox. Zen lebt von Paradoxen. Das ist es was ich liebe am Leben.

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