unlimited limits

Vor ein paar Tagen sah ich zufällig eine Reihe von kurzen Dokumentarfilmen über Menschen, Orte, Geschichten und Schicksale aus Brandenburg.

Der Anlass für diese Filmreihe war – wie kann es anders sein – 20 Jahre ein Land. Gesamtleitung der Regie hatte Andreas Dresen, die einzelnen Beiträge sind von unterschiedlichen Regisseuren. Sie sind teilweise gut gemacht. Dies nur als Hintergrundinformation.

Wen es interessiert, kann hier alle ansehen:
http://www.20xbrandenburg.de/filme/index.map.no.html#

Von den 20 Filmen sah ich acht. Ein Film regt mein Denken noch jetzt an.

Der Film heißt „Im Wind“ und handelt eigentlich von einem Windpark in Trampe (mein Gott, wo liegt denn das???). Unaufgeregt, langsam, fast langweilig werden verschiedene Bewohner interviewt. Ein Aussteiger, der sich mit einem kleinen Solarmodul die Energie für sein Handy erzeugt, sonst braucht er keinen Strom… Eine junge Polin, die mit ihrem Mann offensichtlich große Hoffnungen in dieses Land hat… Eine Zugereiste aus dem Rheinland, die ihre Ruhe haben wollte… Deren Geschichten im Zusammenhang mit dem Thema Windpark und Umgebung allein schon ein Anachronismus.

Und dann zwei alte Damen, Jahrgang 1930 im Durchschnitt, die meine Aufmerksamkeit weckten. Denn sie wurden gefragt, seit wann sie dort leben: sie sind dort geboren, sie leben schon immer dort. Ob sie nie woanders hin wollten: nein, wieso, das ist ihre Heimat, hier sind sie doch geboren…

Mir wird klar, dass diese Frauen drei Staatsformen mit unterschiedlicher politischer Ausrichtung miterlebt haben. Weder die eine noch die andere veranlasste sie zu gehen… Oder haben sie es gar nicht mitbekommen?

Und ich denke an meine Stiefmutter, die auch nie aus ihrer Kleinstadt nahe Hannover rausgekommen ist. Ich denke an all die Menschen hier in diesem Land, die nie rauskommen weil sie nicht raus wollen. Die angeblich oder tatsächlich auch keine Sehnsucht danach haben. Die wahrscheinlich lieber tot umfallen würden oder es sogar tun, wenn sie über ihren Tellerrand schauen.

Da wird mir klar, dass das ja die breite Masse ist. Das sind die, auf die die Staatsmänner hoffen und vertrauen, wissend, dass diese Massen nie etwas anderes tun werden. Auch nie etwas anderes als sie wählen werden – wieder und immer wieder… Denn die Massen wissen nach ein paar Monaten oder einem Jahr oder vier Jahren nicht mehr, worüber sie sich mal aufregten. Sie haben auch keine Vorstellungen, Visionen, Wünsche – sie wollen nur dort bleiben.

Die Möglichkeiten der eigenen Begrenzung sind wahrlich unbegrenzt.

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No Responses to “unlimited limits”

  1. Chris sagt:

    Es zeigt aber auch, dass die Ansprüche der Menschen an das Leben oftmals ganz andere, oftmals einfachste sind (den Obstbaum, den Opa gepflanzt hat, permanent im Visier zu haben), oder archaische (hier wurde ich hingeschissen und hier will ich verrecken, und sonst fällt mir auch zu mir nichts ein).

    Dass Politiker genau solche Menschen (Ohrfeigengesichter) zum Durchregieren brauchen ist unbestritten, rangieren sie doch mit ihren „Visionen“ auf einem ganz anderen Level – müssen idealerweise auch das Umfeld, den regionalen Kontext, die nationale Bedeutung, alle Zusammenhänge bedenken: Verträge, Verpfllichtungen, Notwendigkeiten, Zukunftsstrategien. In diesem Kontext geht das Individuum einfach unter, ist plötzlich irrelevant.

    Als Kopfmensch ist das natürlich eine individueller Mega-GAU. Ich persönlich finde das aber gar nicht so schlimm. Ich würde sogar soweit gehen, dass ich das „Grundrecht auf persönliches Scheitern“ und „Rückzug auf den eigenen Irrsinn“ propagieren würde. Wieso sollte man sich nicht mit einem Klumpen Erde identifizieren können? Nur weil der nicht ins grellbunte HD-TV passt, nicht in Hochglanzmagazine, nicht in die Radio-/Webshow der „Top 12 der eingebildeten Lebenshöhepunkte“? Und damit nicht ins „Höher, schneller, weiter“-Schema passt?

    Ganz ehrlich will ich gar nicht wissen, was nach Finanzgau und Oil Peak in einigen Jahren für Lebensbedingungen nach der Zivilisation übrig sein werden. Ich schätze die intellektuelle Welt wird hinfällig sein. Weil man Kafka nicht essen kann. Vorbei die rastlose Hast nach Erfolg, nach Kompatibilität zum hippen Weltbild, nach schrägen Gedanken und sinnstiftender Kultur, oder wenigstens kritischem Kabarett oder ’nem lässigen Job in einer coolen Firma. In einigen Jahren werden wir froh sein, dass wir noch etwas zu essen finden, das vielleicht irgendwie bezahlbar ist.

    Und da sind die Damen in Brandenburg, die nurmehr auf den Tod zu warten scheinen sicher im Vorteil, weil es ihnen damit gut geht, mit dem Nichts was sie haben. Weil sie eng mit der Scholle verbunden sind und nicht viel brauchen. Weil sie die Ablenkungen des Lebens als solche enttarnt haben und nur ihren Möglichkeiten und Neigungen entsprechend agieren. Sie sind auf das Unvermeidliche sehr viel besser vorbereitet als all diejenigen, die noch heute an Zivilisationsklimbim und unnützer Plastikscheiße kleben und noch immer kritiklos dem Höchstleistungswahn verfallen sind. Und ihre Seele damit an den Massenkonsum verraten und vielleicht für immer verloren haben.

    http://www.youtube.com/watch?v=AzOTMXroAr0 (sorry Satire, das übrige nicht)

  2. antidot sagt:

    Deine ausführlichen Bemerkungen treffen sicherlich voll zu – ins Schwarze sozusagen.
    Wir sollten das bei einer Flasche Wein diskutieren.
    Mein Ansatz war nicht, dass ich es schlimm finde, sich mit sich selbst, seinem Umfeld, seinem Heimatboden zu identifizieren. Archaische Lebensweise liegt mir sehr nah und ich schätze Menschen die so leben sehr hoch ein.
    Für mich ist eher erschreckend, wenn man mitbekommt, dass keine Träume und Wünsche mehr vorhanden sind – oder nie waren.
    Und eben aus dieser Not heraus grellbuntes HD-TV und bekloppten Shows en masse konsumiert werden – besonders da wo nix los ist auf dem platten Land.
    Und wie dies von Politikern und Meinungsmachern ausgenutzt wird…

  3. Chris sagt:

    Politiker und Meinungsmacher pflügen ohnehin über alles hinweg. Entweder Du läßt Dich instrumentalisieren oder Du wirst instrumentalisiert. Es gibt dazu noch die Möglichkeit sich aktiv aufzulehnen, das ist – so glaube ich – die einzige Möglichkeit das Gesicht zu wahren.

    read more:
    http://denkbonus.wordpress.com/2010/10/31/die-hohe-schule-des-protestes-%E2%80%93-anleitung-zum-widerstand/

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